Juni  1905.  223
der  geheimen  Abstimmung  zustimmt,  wo  sie  für  die  fakultativen  Arbeiterausschüsse
  seit  lange  besteht.  Hier  haben  wir  nicht  die  Grundsätze  für
die  Einführung  eines  neuen  politischen  Wahlrechts  zu  behandeln,  sondern
wir  müssen  uns  an  die  Tatsache  halten,  daß  bei  den  Arbeiterausschüssen
im  Bergbetriebe  die  geheime  Wahl  bestehendes  Recht  ist.

Meine  Herren,  wenn  nach  meiner  Ansicht  wirklich  die  Wahrscheinlichkeit
  dafür  spräche,  daß  Arbeiterausschüsse  der  Sozialdemokratie  förderlich
  wären,  so  würde  ich  niemals  die  Hand  zu  ihrer  Einführung  bieten.
Nach  meiner  Uberzeugung  wird  aber  die  Einrichtung  nützlich,  keinesfalls
schädlich  wirken.  Sie  bedeutet  auch  an  und  für  sich  durchaus  nicht  eine
Anerkennung  des  Massenprinzips,  wie  es  die  Sozialdemokratie  vertritt,
sondern  ein  natürliches  Bindeglied  zum  Ausgleich  der  großen  Entfernung,
welche  sich  mehr  und  mehr  zwischen  den  Grubenbesitzern  und  den  Betriebsleitern
  auf  der  einen  Seite  und  der  Masse  der  Belegschaften  auf
der  andern  Seite  vollzogen  hat.

Meine  Herren,  in  Privatgesprächen  und  in  Zeitungsartikeln  ist  mir
die  Besorgnis  entgegengetreten,  es  könnten  Eingriffe  in  die  Wirtschaftsordnung,
  wie  wir  sie  für  die  Bergwerke  beraten,  für  andere  Gewerbe
und  sogar  für  die  Landwirtschaft  folgen.

(Sehr  richtig!  rechts.)
Principüs  obsta  ist  mitunter  ein  gutes  Wort,  aber  seine  Kehrseite  bildet
die  alte  preußische  Forderung:  Jedem  das  Seine!  Niemand  kann  ernstlich
  in  Abrede  stellen,  daß  die  Arbeit  in  den  Steinkohlenbergwerken  unvergleichbar
  eigentümlicher  und  schwieriger  Art  ist,  daß  ferner  die  unpersönliche
  Kapitalmacht  sich  bei  uns  nirgends  so  entfaltet  hat  wie  bei
der  Gewinnung  und  Verwertung  dieses  wichtigsten,  dem  öffentlichen
Interesse  unterliegenden  Urproduktes,  und  daß  endlich  die  Ihnen  vorgeschlagenen
  Reformen  ausschließlich  auf  die  Eigentümlichkeiten  im
Bergbau  und  auf  die  im  Kohlenbergbau  zutage  getretenen  Mißstände
zugeschnitten  sind.  Meine  Herren,  seit  Jahrzehnten  verlangen  die  Bergarbeiter
  nach  einem  größeren  gesetzlichen  Schutz.  Diese  Wünsche  sind
während  des  letzten  Streiks  in  einer  Weise  ausgesprochen  worden,  die
zugleich  Hoffnung  auf  die  Regierung,  Vertrauen  in  den  Staat  und  damit
  auch  eine  gewisse  Abwehr  sozialdemokratischer  Hetzereien  zum  Ausdruck
  brachten.  Diese  Hoffnungen,  dieses  Vertrauen  zu  enttäuschen,  wäre
nach  meiner  Ansicht  unpolitisch  und  unrecht.
(Sehr  richtig!  links  und  im  Zentrum.)

Es  würde  ein  großer  Triumph  für  die  Sozialdemokratie  sein,  wenn  sie
den  Bergarbeitern  mit  Recht  sagen  könnte:  seht,  was  sind  Hoffnungen,