Inni  1905.  227

gestiegen  waren,  wurden  durch  den  Wind  des  Argwohns  weiter  getragen
und  zündeten  überall  im  Ruhrrevier.  Zu  dem  Gefühle  der  Unsicherheit,
das  sich  dabei  stärker  zeigte  als  die  ruhige  Überlegung,  hatten  verschiedene
Umstände  beigetragen:  so  die  kurz  vorher  erfolgte  Stillegung  einiger
Zechen,  die  Wurmkrankheit,  die  in  der  Hibernia-Angelegenheit  entfaltete
Macht  des  Syndikats.  Das  Gegengewicht  lag  in  der  Hoffnung  namentlich
  der  christlichen,  der  nichtsozialdemokratischen  Arbeiter  auf  eine  gerechte
Prüfung  ihrer  Lage  durch  den  Staat.  Ich  bekenne  freimütig,  ich  würde
ein  schweres  Versäumnis  darin  erblicken,  wenn  die  Königliche  Staatsregierung
  zumal  bei  der  mit  der  Dauer  des  Streiks  fortschreitenden
allgemeinen,  nicht  allein  auf  die  innere  Lage  Preußens  und  des  Reichs
beschränkten  Kalamität  passiv  geblieben  wäre  und  nichts  getan  hätte,
um  das  Vertrauen  in  eine  ruhige  Entwicklung  zu  stärken.  Damit  sollte
der  allgemeinen  Bernhigung  gedient,  nicht  gegen  die  Arbeitgeber  einseitig
Partei  genommen  werden.  Ich  habe  damals  erklärt,  die  Vorbedingung
für  jede  staatliche  Aktion  sei  die  Aufrechterhaltung  von  Ruhe  und  Ordnung
  und  die  Wiederaufnahme  der  Arbeit.  Oder,  meine  Herren,  sollen
wir  Arbeiterbeschwerden  schon  deshalb  a  limine  ablehnen,  weil  sie  auch
von  sozialdemokratischen  Arbeitern  unterstützt  werden?  Das  wäre  nach
meiner  Ansicht  in  Wahrheit  eine  Politik  ab  irato.  Dann  würden  wir
am  Ende  dahin  kommen,  die  ganze  Versicherung  der  Arbeiter  gegen
Krankheit,  Unfall,  Alter  als  eine  Kapitulation  vor  der  Sozialdemokratie
zu  bezeichnen.  Meine  Herren,  mit  solchen  Schlagworten  lassen  sich
soziale  Maßnahmen  und  Forderungen  nicht  abtun.  Ich  für  meinen  Teil
bleibe  durchdrungen  von  der  Wahrheit  der  Grundsätze,  die  unser  alter
großer  Kaiser  und  sein  großer  Kanzler  für  soziale  Reformen  aufgestellt
haben.  Wenn  uns  in  Zukunft  Krisen  bevorstehen,  so  ist  zu  ihrer  siegreichen
  Uberwindung  zweierlei  erforderlich:  Autorität  der  Monarchie,
Autorität  der  Staatsgewalt  und  ein  gutes  Gewissen  gegenüber
  den  Arbeitern.  Ich  halte  es  für  meine  Pflicht,  das  gerade  in
einem  Hause  von  konservativer  Grundfarbe  zu  betonen,  in  der  Hoffnung,
in  der  Zuversicht,  gerade  hier  Verständnis  und  loyale  und  kluge  Mitarbeit
  bei  der  Aufrechterhaltung  der  in  dieser  Frage  engagierten  Autorität
  zu  finden.

Dieses  Hohe  Haus  hat  nun  die  bedeutsame  Aufgabe,  das  zwischen
der  Königlichen  Staatsregierung  und  dem  Hause  der  Abgeordneten  vereinbarte
  Werk  zu  einem  guten  Ende  zu  führen.  Damit  wird  der
preußische  Landtag  beweisen,  wird  gegenüber  sozialdemokratischen  Verdächtigungen
  und  Hetzereien  beweisen,  daß  er  willens  und  imstande  ist,

15“