Juni  1905.  229

er  habe  niemals  erlebt,  daß  in  ein  Gesetz  so  viel  Gift  und  Galle
destilliert  worden  sei  wie  in  die  erwähnte  Vorlage,  so  muß  ich  darauf
aufmerksam  machen,  daß  der  Königlichen  Staatsregierung,  als  sie  diesen
Gesetzentwurf  dem  Landtag  unterbreitet  hat,  jede  Animosität  selbstverständlich
  vollkommen  ferngelegen  hat.

Ich  wende  mich  nun  zu  einigen  anderen  Ausführungen,  die  im
Laufe  der  Debatte  gemacht  sind.  Der  Herr  Freiherr  von  Manteuffel
hat  gemeint,  die  Königliche  Staatsregierung  hätte  sich  während  des
Streiks  im  Ruhrgebiete  ganz  auf  die  Seite  der  Bergarbeiter  gestellt.
Demgegenüber  weise  ich  hin  auf  die  Artikel,  welche  damals  in  der  sozialdemokratischen
  Presse  erschienen  sind  und  in  denen  der  Königlichen
Staatsregierung  und  speziell  mir  im  Gegenteil  vorgeworfen  wurde,  daß
wir  in  der  rücksichtslosesten,  herzlosesten  Weise  die  Interessen  der  Arbeiter
den  Unternehmern  geopfert  hätten.  Ich  weise  hin  auf  die  Rede,  die,
als  der  Streik  seinen  Höhepunkt  erreicht  hatte,  der  Reichstagsabgeordnete
Bebel  im  Reichstage  hielt.  Der  Abgeordnete  Bebel  —  ich  bitte,  diese
kurzen  Stellen  verlesen  zu  dürfen  —  nahm  Bezug  darauf,  daß  ich  vor
dem  Reichstage  gesagt  hätte,  ich  wolle  keinen  Zweifel  darüber  lassen,
daß  die  Preußische  Staatsregierung  die  vollen  Machtmittel  des  Staates
einsetzen  würde,  wenn  der  im  Ruhrgebiet  entfesselte  Lohnkampf  in  Exzesse
ausarten  sollte.  Dann  fuhr  Herr  Bebel  fort:

Ist  das  eine  Sprache  von  einem  Staatsmanne?  In  einem
Augenblicke,  wo  die  Arbeiter  sich  der  größten  Ruhe  befleißigen,
eine  derartige  Drohung  auszusprechen!  Gehen  Sie  alle  Parlamente
der  Welt  durch:  nirgends  wird  in  einem  solchen  Falle  ein  Staatsmann
  eine  solche  Provokation  Streikenden  ins  Gesicht  zu  schleudern
wagen.  Das  ist  eine  Provokation  unerhörtester  Art.

Der  Abgeordnete  Bebel  sagte  weiter:

Ahnliches  wäre  einem  englischen  Minister  nicht  passiert;  es
wäre  in  England  einfach  unmöglich  gewesen,  daß  ein  Minister  so
zum  Parlamente,  zu  den  Vertretern  der  Arbeiter  im  Lande  geredet
hätte,  wie  der  Reichskanzler  es  am  20.  Januar  im  Reichstag
getan  hat.  Was  haben  wir  am  20.  Jannar  zu  hören  bekommen?
Gegen  die  Arbeiter  eine  Drohung,  gegen  die  Unternehmer  einen
leisen  Tadel  und  am  Schlusse  der  Rede  die  größten  Komplimente
für  die  Unternehmer.  So  stehen  im  Augenblick  die  Sachen.  Der
Herr  Reichskanzler  braucht  sich  nicht  zu  wundern,  daß  auch  in
der  bürgerlichen  Presse  ein  großes  Mißbehagen  über  die  Stellung
der  Regierung  zu  der  kleinen  Kapitalisten=  und  Unternehmerklasse