230  28.  Berggesetznovelle.

der  Zecheubesitzer  sich  entwickelt  hat.  Der  Herr  Reichskanzler

braucht  sich  auch  nicht  zu  wundern,  wenn  alle  Welt  rief:  hier

kapituliert  die  Staatsgewalt  vor  der  Kapitalsgewalt!

Also  der  eine  wirft  mir  vor,  ich  kapituliere  vor  der  Kapitalsgewalt,
  der  andere,  ich  kapituliere  vor  der  Sozialdemokratie!  Meine
Herren,  die  Wahrheit  liegt  auch  hier  in  der  Mitte.  Die  Wahrheit  ist,
daß  die  Königliche  Staatsregierung  während  dieses  Streiks  Unparteilichkeit
  und  Sachlichkeit  beobachtet,  daß  sie  sich  weder  von  der  einen
noch  von  der  andern  Seite  hat  ins  Schlepptau  nehmen  lassen,  daß  sie
sich  über  den  verschiedenen  Interessengruppen  gehalten  hat,  daß  sie
bemüht  gewesen  ist,  und  mit  Erfolg  bemüht  gewesen  ist,  im  Interesse
der  Allgemeinheit  diesen  Streik  möglichst  bald  zu  Ende  zu  führen.
Wie  notwendig  es  war,  dafür  zu  sorgen,  daß  dieser  Streik  nicht  zu
einer  großen  allgemeinen  Kalamität  auswuchs,  habe  ich  feinerzeit  eingehend
  im  Abgeordnetenhause  nachgewiesen;  das  hat  sveben  der  Handelsminister
  von  neuem  dargelegt  und  das  hat  zu  meiner  Befriedigung
auch  Herr  Oberbürgermeister  Becker  zugegeben.  Meine  Herren,  wenn
eine  Sache  leidlich  ausgegangen  ist,  dann  ist  es  leicht,  zu  sagen,  sie
hätte  unmöglich  schief  gehen  können.  Ich  stehe  aber  doch  lieber  hier
mit  dem  Bewußtsein,  daß  wir  diesen  Streik  friedlich  und  rasch  zu  Ende
geführt  haben,  als  wenn  derselbe  politisch  oder  wirtschaftlich  uns  unheilbare
  Wunden  geschlagen  hätte.

Nun  hat  Herr  von  Burgsdorff  sich  in  temperamentvoller  Weise
mit  der  Entstehung  des  Streiks  beschäftigt.  Er  hat  gemeint,  dieser
Streik  sei  absichtlich,  planmäßig  und  direkt  herbeigeführt  worden  von
der  Sozialdemokratie.  Ich  gebe  ihm  zu,  daß  bei  Streiks  in  der  Regel
meist  sozialdemokratische  Hetzerei  im  Spiele  ist.  In  diesem  Falle  ist
aber  der  unmittelbare  und  direkte  Anstoß  nicht  von  der  Sozialdemokratie
gegeben  worden,  sondern  die  Ursache  war  komplizierter  und  tiefer  liegender
Natur.  Herr  von  Burgsdorff  hat  weiter  gemeint,  die  Bergarbeiter
brauchten  nur  einen  zweiten  Streik  in  Szene  zu  setzen,  um  auch  den
übrigen  Teil  ihrer  Forderungen  durchzusetzen.  Ich  habe  schon  gesagt,
daß  die  Königliche  Staatsregierung  den  Arbeitern  die  Beseitigung  derjenigen
  Beschwerden  in  Aussicht  gestellt  hat,  welche  schon  seit  Jahren
von  ihr  als  gerechtfertigt  anerkannt  waren,  nicht  aber  die  Erfüllung
ungerechtfertigter  und  erst  während  des  Streiks  entstandener  Wünsche
und  Forderungen.  Herr  von  Burgsdorff  hat  weiter  gemeint,  die  Maßnahmen,
  welche  wir  jetzt  für  die  Bergarbeiter  berieten,  würden  naturgemäß
  auch  auf  andere  Gewerbe  ausgedehnt  werden.  Ich  habe  im