238  30.  Reichsfinanzreform.

Steuern  zahlt  man  weniger  aus  Patriotismus  als  aus  Zwang:  kann
man  sich  ihnen  entziehen,  so  tut  man  es  nicht  ungern.
(Hört!  Hört!  bei  den  Sozialdemokraten.)
Jusbesondere  hat  jede  neue  Steuer  etwas  unbeschreiblich  Ungemütliches.
  -
(Heiterkeit.)

In  dieser  Beziehung  haben  sich  die  Menschen  und  haben  sich  die  Verhältnisse
  nicht  geändert.  Aber  im  Interesse  des  Reichs  wie  der  verbündeten
  Einzelstaaten,  die  unter  der  Last  der  finanziellen  Verhältnisse
im  Reiche  erliegen,  müssen  die  Verbündeten  Regierungen  das  Odium
einer  Finanzreform  auf  sich  nehmen  und  sie  durchführen.
·  (Sehr  richtig!)

Mit  einer  kleinen  Finanzreform  wäre  uns  nicht  gedient,  sondern  nur
mit  einer  Finanzreform,  die  danernde  Abhilfe  schafft.

Die  Finanzverhältnisse  im  Reich  —  ich  wiederhole  es  —  bieten
ein  überaus  trübes  Bild.  Im  Gegensatz  zu  England  und  Frankreich
trägt  unser  Finanzwesen  im  Reich  die  Züge  des  neuen  und  unfertigen,
des  jungen  Haushalts,  der  sich  ohne  erhebliche  Erbschaft  seinen  Lebensunterhalt
  selbst  verschaffen  soll.  Die  einzige  Erbschaft  bildete  ein  mageres
Zoll=  und  Verbrauchsstenersystem.  Auch  in  England,  auch  in  Frankreich
  wachsen  die  Ansprüche  des  öffentlichen  Lebens;  das  Stenersystem
ist  aber  dort  so  praktisch  eingerichtet,  daß  es  den  naturgemäß  wachsenden
öffentlichen  Ansprüchen  fortdauernd  Genüge  leistet.  Bei  uns  lebt
man  von  der  Hand  in  den  Mund  und  ist  spätestens  alle  zehn
Jahre  am  Ende  der  Weisheit  angelangt.  Dann  macht  man  die
immer  wiederkehrenden  Stadien  der  Stockung  durch:  Knappheit,  Einengung
  des  Reichsbedarfs,  Defizit,  Anleihen:  auf  diese  Stadien  folgen
wieder  Versuche  zu  Reformen,  die  zu  heftigen  Kämpfen  führen,  bisher
aber  keine  danernde  Abhilfe  schaffen  konnten.  In  diesen  Verhältnissen
liegt  die  Misere  des  Reichsbudgets,  liegt  aber  auch  der  Anlaß  zu  häufiger
und  höchst  unerwünschter  Bennruhigung  der  Stenerzahler.  Ich  bin
hier  gefolgt  interessanten  Ausführungen  des  Professors  Gustav  Cohn
in  seinen  Aufsätzen  „Zur  Politik  des  deutschen  Finanzwesens“,  die  ich
den  Herren  zur  Lektüre  nur  empfehlen  kann.

Die  ordentlichen  Einnahmen  des  Reichs  genügen  nicht  mehr  zur
Bestreitung  seiner  ordentlichen  Ausgaben.  Zur  Deckung  des  Defizits,
das  seit  dem  Rechnungsjahre  1899  allmählich  auf  mehr  als  100  Millionen
  jährlich  angewachsen  ist,  mußten  alljährlich  regelmäßig  die  Einzel-