246  30.  Reichsfinanzreform.

Das  Verhältnis  der  direkten  Steuern  zu  den  indirekten  liegt  in
Deutschland  gar  nicht  ungünstiger  als  in  anderen  Ländern.  Zieht  man
die  wichtigeren  direkten  Steuern  in  Betracht,  so  ergibt  sich  für  das
Reich  und  die  Bundesstaaten  eine  Belastung  von:  im  Deutschen  Reiche
7,72  M.  auf  den  Kopf  der  Bevölkerung,  in  Osterreich  9,45  M.,  in
Ungarn  9,89  M.,  in  Italien  12,49  M.,  in  Frankreich  12,38  M.,  in
Rußland  2,26  M.,  in  Großbritannien  19,65  M.

(Hört!  hört.)

An  Zöllen  und  wichtigeren  indirekten  Steuern  werden  dagegen  erhoben
im  Reiche  und  in  den  Bundesstaaten  zusammen  19,97  M.  auf  den  Kopf
der  Bevölkerung,  in  Osterreich  und  Ungarn  21,12  M.,  in  Italien  22,5.1  M.,
in  Frankreich  44,97  M.,  in  Rußland  15,45  M.,  in  Großbritannien
47,55  M.

(hört!  hört!  rechts),

in  den  Vereinigten  Staaten  von  Amerika,  in  welchen  es  direkte  Bundesabgaben
  überhaupt  nicht  gibt,  30,31  M.  auf  den  Kopf  der  Bevölkerung.

Ich  möchte  hierbei  aber  doch  noch  auf  einen  Punkt  hinweisen.  Im
Reiche  werden  von  den  Einzelstaaten  jährlich  etwa  280  Millionen  Mark
für  Unterrichtszwecke  verausgabt,  die  im  wesentlichen  Volksschullasten
darstellen.  Ich  habe  vor  einigen  Tagen  in  einer  Abhandlung,  in  einer
Zusammenstellung  gelesen,  man  könne  wohl  annehmen,  daß  von  den
Gemeinden  und  sonstigen  Verpflichteten  für  Unterrichtszwecke  etwa  dreimal
  so  viel  aufgebracht  würde,  wie  vom  Staate.  Wir  haben  also  mit
einer  jährlichen  Ausgabe  von  über  einer  Milliarde  zu  rechnen,  die  im
wesentlichen  den  breiten  Massen  der  Bevölkerung  zugute  kommt.  Diese
Last  wird  ebenso  wie  die  gleichfalls  den  Gemeinden  und  Kommunalverbänden
  obliegende  Armenlast  durch  direkte  Steuern  aufgebracht,  die
vorzugsweise  die  besitzenden  Klassen  treffen.

(Sehr  wahr!  rechts.)

Ich  kann  auch  daran  erinnern,  daß  in  Preußen  von  34  Millionen  über
20  Millionen  einkommensteuerfrei  sind,  und  daß  nur  etwa  13  oder  140%
der  Bevölkerung  zur  Ergänzungssteuer  veraulagt  sind.

Meine  Herren,  Ziel  jeder  Steuerreform  muß  sein,  den  aufzubringenden
Betrag  so  einzurichten,  daß  er  mit  denkbar  geringstem  Druck  auf  die
Steuerpflichtigen  aufgebracht  wird.  Wir  müssen  uns  immer  vorhalten,
wie  schon  vor  langen  Jahren  Fürst  Bismarck  gesagt  hat:  Wie  sitzt  der
schwere  Steuerrock  dem  Volke  am  bequemsten?  Oder  vielmehr:  wie  läßt