250  30.  Reichsfinanzreform:  Auswärtige  Lage.

ihre  kurze  Amtszeit  benutzen  sollen  —  ich  sage  sollen  —,  um  für  sich,
ihre  politischen  Vettern  und  Anverwandten  zu  sorgen.

(Heiterkeit.)

Die  Verbündeten  Regierungen  haben  diese  Vorlage  auch  nicht  eingebracht
wie  ein  leichtsinniger  Student,  der  bei  seinem  Vater  um  die  Erhöhung

seines  Wechsels  einkommt.
(Heiterkeit.)

Nein,  meine  Herren,  hier  handelt  es  sich  um  eine  dira  necessitas;  was
Sie  bewilligen,  das  bewilligen  Sie  dem  Bunde,  das  bewilligen  Sie  für
die  Deckung  von  Ausgaben,  die  für  die  Wohlfahrt,  die  Sicherheit,  den
Frieden,  die  Zukunft  des  deutschen  Volkes  unerläßlich  sind.  Bewilligen
Sie  dem  Reiche,  was  es  finanziell  bedarf,  um  selbst  die  nötige  Bewegungsfreiheit
  zu  haben  und  den  Einzelstaaten  nicht  übermäßig  zur
Last  zu  fallen!  Damit  werden  Sie  die  Gegenwart  erleichtern,  die  Zukunft
  sichern,  die  Verdienste  des  Reichstages  aber  vermehren  um  eine
eminent  patriotische  Tat!  '
(Lebhafter  Beifall.  Zischen  bei  den  Sozialdemokraten.)

In  derselben  Sitzung  erwiderte  der  Reichskanzler  auf  die  Ausführungen

des  Abgeordneten  Fritzen  (Ztr.)  folgendes.
Reichskanzler  Fürst  von  Bülow:

Meine  Herren,  schon  im  Hinblick  auf  die  vorgerückte  Stunde  werde
ich  auf  die  von  dem  Herrn  Vorredner  berührten  innerpolitischen  und
besonders  finanzpolitischen  Fragen  heute  nicht  mehr  eingehen.  Ich  behalte
  mir  das  für  den  weiteren  Lauf  der  Debatte  vor  und  beschränke
mich  heute  auf  die  auswärtigen  Angelegenheiten.

Als  ich  vor  einer  Stunde  Zeitungsausschnitte  durchblätterte,  stieß
ich  auf  einige  Preßstimmen,  in  denen  der  Erwartung  Ausdruck  gegeben
wurde,  daß  ich  im  Laufe  dieser  Etatsdebatte  große  Enthüllungen  machen,
daß  ich  alle  Winkel  der  Weltlage  beleuchten  und  durchleuchten  werde.
Meine  Herren,  ein  leitender  Staatsmann  kann  nicht  in  jedem  beliebigen
Augenblick  eine  Rede  über  die  auswärtige  Lage  halten.  Namentlich,
wenn  diese  Lage  keine  durchaus  befriedigende  ist

(hört!  hört!  in  der  Mitte  und  bei  den  Sozialdemokraten):t

wenn  Verstimmungen  eben  erst  überwunden  und  neue  möglich  sind,  wird
er  sich  zunächst  immer  fragen  müssen,  ob  er  überhaupt  reden  soll,  und
ob  er  nicht,  wenn  er  auf  jede  Frage  öffentlich  Rede  und  Antwort  stehen