Dezember  1905.  251

wollte,  mehr  schaden  als  nützen  würde.  Die  Beziehungen  von  Regierung
zu  Regierung  können  korrekt,  sie  können  von  beiderseitiger  Friedensliebe
erfüllt  sein,  aber  die  Beziehungen  zwischen  den  Kabinetten  erschöpfen
nicht  die  Politik  ihrer  Länder.

(Sehr  richtig!)

Ich  weiß  nicht,  ob  ich  mich  irre,  aber  ich  glaube,  es  war  in  diesem
Hohen  Hause,  daß  einer  seiner  größten  Männer,  der  Reichstagsabgeordnete
  Graf  Helmut  Moltke,  im  Vergleich  zu  der  Kabinettspolitik
früherer  Tage  auf  die  Gefahren  der  Volksleidenschaften  in  unserer  Zeit
hingewiesen  hat.  Wir  haben  z.  B.  jetzt  in  England  mit  einer  tief—
gehenden  Abneigung  der  öffentlichen  Meinung  gegen  uns  zu
rechnen.  Erst  in  allerletzter  Zeit  haben  sich  Anläufe  gegen
diese  bedenkliche  Spannung  in  ernsten  englischen  Kreisen  be—
merkbar  gemacht.  Ich  begrüße  aufrichtig  solche  günstigeren

Zeichen.
(Bravo!)

Ich  möchte  gern  darin  einen  Anfang  dafür  sehen,  daß  man
zu  dem  leider  unterbrochenen  wechselseitigen  Verständnis
zweier  großer  Völker  vongleichartiger  Kultur  zurückkehren  will.

(Sehr  richtig!"  Bravo!)

Ich  beabsichtige  also  nicht,  Ihnen  ein  Exposêé  über  die  auswärtige
Lage  zu  geben,  da  ich  mir  davon  in  diesem  Moment  keinen  Vorteil  für
das  Land  verspreche.  Ich  bin  aber  durchaus  bereit,  auf  einzelne  konkrete
  Fragen,  die  der  Herr  Vorredner  angeschnitten  hat,  meine  Meinung
zu  äußern.

Der  Herr  Vorredner  hat  das  Verhältnis  zwischen  Deutschland
  und  Italien  berührt.  Offenbar  im  Hinblick  auf  die  zwischen
Italien  und  Frankreich  eingetretene  Annäherung  hat  er  der  Befürchtung
Ausdruck  gegeben,  daß  zwischen  Deutschland  und  Italien  nicht  mehr  alles
beim  alten  sei.  Daß  eine  Abwendung  Italiens  vom  Dreibund  nicht  zu
erwarten  ist,  habe  ich  vor  der  inzwischen  erfolgten  Ernenerung  des
Dreibundes  gesagt.  Italien  hat  sich  dem  Dreibund  seinerzeit  nicht  in
unklarer  Sentimentalität  angeschlossen,  sondern  weil  es  dabei  auch  seine
Rechnung  findet.  Die  Gründe,  welche  seinerzeit  die  drei  großen
mittelenropäischen  Reiche  zusammengeführt  haben,  bestehen
auch  heute  noch;  es  ist  nichts  geschehen,  was  sie  beseitigen
könnte.  Wie  zwischen  Deutschland  und  Österreich-Ungarn,  so  besteht