252  30.  Reichsfinanzreform:  Auswärtige  Lage.

auch  zwischen  Deutschland  und  Italien  nicht  der  leiseste  Juteressengegensatz.
  Zwischen  Osterreich-Ungarn  und  Italien  haben  Mißverständnisse
und  Verstimmungen  bestanden,  es  ist  aber  durch  beiderseitigen  guten
Willen  und  gegenseitiges  Entgegenkommen  noch  immer  gelungen,  diese
Mißverständnisse  zu  beseitigen.  Das  Bindeglied  zwischen  Osterreich-Ungarn
  und  JItalien  bildet  Deutschland,  das  für  jedes  dieser  beiden
Reiche  der  natürlichste  Bundesgenosse  ist.  Die  gegenwärtige  italienische
Regierung  sieht  in  dem  Dreibunde  die  Grundlage  ihrer  auswärtigen
Politik.  Aber  auch  die  große  Mehrheit  des  italienischen  Volkes  ist  zu
patriotisch  und  zu  klug,  um  nicht  zu  wissen,  das  ein  vom  Dreibund  losgelöstes
  Italien  noch  stärker  sein  müßte,  als  Italien  ist,  wenn  es  nicht
für  die  Unabhängigkeit  seiner  Politik  Gefahren  laufen  will,  die  jeder
Italiener  aus  der  Geschichte  seines  Landes  kennt.  Wenn  Italien
jetzt  von  mehr  als  einer  Seite  umworben  wird,  so  ist  wohl
nicht  zu  bestreiten,  daß  seine  Freundschaft  gerade  durch  seine
Zugehörigkeit  zum  Dreibunde  und  durch  die  Sicherheit,  die
diese  Zugehörigkeit  gewährt,  an  Wert  gewonnen  hat.

Meine  Herren,  der  Dreibund  will  in  Europa  den  Frieden  und  den
status  quo  aufrecht  erhalten.  Das  war  sein  Ausgangspunkt,  das  ist
sein  Endziel.  Deshalb  haben  wir  den  Dreibund  abgeschlossen,  deshalb
haben  wir  den  Dreibund  erneuert,  deshalb  halten  wir  unverbrüchlich  am
Dreibunde  fest.

(Bravol)

Aber,  meine  Herren,  Deutschland  muß  stark  genug  sein,  um  im
Notfall  sich  auch  ohne  Bundesgenossen  behaupten  zu  können
(Bravol):
es  muß  stark  genug  sein,  um  im  schlimmsten  Fall  auch  allein  seine  Stellung

verteidigen  zu  können.

(Sehr  richtig!)

Ich  sage:  im  schlimmsten  Fall.  Dieser  Fall  ist  nicht  eingetreten;  wir
hoffen,  daß  dieser  Fall  nicht  eintreten  wird.  Aber  diesen  Fall
dürfen  wir  niemals  aus  den  Augen  verlieren.  Wir  müssen  stets
eingedenk  bleiben  der  Worte,  die  in  seiner  letzten  großen  Rede,  in  seiner
unsterblichen  Rede  vom  6.  Februar  1888  Fürst  Bismarck  mit  bezug  auf
die  schon  damals  bestehenden  Bündnisverträge  sagte:

Wir  müssen
—  sagte  Fürst  Bismarck  —

unabhängig  von  der  angenblicklichen  Lage  so  stark  sein,  daß  wir

mit  dem  Selbstgefühl  einer  großen  Nation,  die  unter  Umständen