Dezember  1905.  257

Spitze  gegen  uns  gegeben  werden  solle.  Die  Andeutung,  welche  in
diesen  Worten  lag,  war,  wie  ich  glaube,  verständlich;  sie  war  jedenfalls
voller  Courtoisie.  Meine  Erwartung,  daß  die  andere  Seite,
bevor  sie  an  die  Verwirklichung  ihrer  Pläne  in  Marokko
ging,  an  uns  herantreten  und  sich  mit  uns  verständigen
würde,  hat  sich  jedoch  nicht  erfüllt.

(Hört!  hört.)

Man  machte  uns  keine,  jedeufalls  keine  ernsthafte  und  ausreichende  Mitteilung
  über  das  Abkommen.  Ein  Teil  der  französischen  Presse  war
bemüht,  dem  Abkommen  eine  Spitze  gegen  Deutschland  zu  geben.  Auch
sonst  trat  die  Tendenz  hervor,  uns  Schwierigkeiten  in  den
Weg  zu  legen.

Meine  Herren,  der  Minister,  der  die  Verantwortung,  die  schwere
Verantwortung  trägt  für  die  Sicherheit  und  den  Frieden  eines  großen
Landes,  darf  sich  nicht  einschläfern  oder  düpieren  lassen;  er  soll  aber
auch  nicht  vorzeitig  die  Nerven  verlieren,  sondern  abwarten  und  schweigen
können,  bis  sich  die  Situation  in  der  einen  oder  anderen  Richtung  geklärt
  hat.

Dieser  Augenblick  kam,  als  die  französische  Regierung  sich  anschickte,
ohne  weitere  Erklärung,  ohne  Anfrage  bei  uns  aus  dem  Abkommen  mit
Marokko  die  weitestgehenden  Konsequenzen  zu  ziehen.  Zu  diesem  Zwecke
wurde  der  französische  Gesandte  Herr  St.  Renk  Taillandier  nach
Fez  geschickt,  welcher  der  marokkanischen  Regierung  Vorschläge  unterbreitete,
  deren  Annahme  Marokko  in  eine  ähnliche  Lage  gebracht  haben
würde  wie  Tunis.  Diese  Vorschläge  wurden  in  Formen  gestellt,  die
als  Ultimatum  gelten  konnten.  Indem  sie  uns  hiervon  in  Kenntnis
setzte,  teilte  die  marokkanische  Regierung  uns  gleichzeitig  mit,  der  französische
  Gesandte  habe  sich  zur  Unterstützung  seiner  Forderungen  auf  ein
europäisches  Mandat  berufen.  Damit  waren  unsere  vertragsmäßigen
Rechte  aus  der  Madrider  Konvention  offenkundig  verletzt,  die  durch
internationale  Verträge  verbürgte  Sonveränität  von  Marokko  in  Frage
gestellt,  unsere  wirtschaftlichen  Interessen  in  Marokko  in  absehbarer  Zeit
mit  Vernichtung  bedroht.

Die  verschiedenen  Phasen  der  langwierigen  diplomatischen  Kampagne,
  die  sich  seitdem  abgespielt  hat,  will  ich  nicht  im  einzelnen
rekapitulieren.  Die  Gesichtspunkte,  die  für  uns  während  dieser  mehrmonatlichen
  Verhandlungen  leitend  waren,  sind  in  einem  Erlaß  zusammengefaßt,
  den  ich  am  11.  April  d.  J.  an  den  keiserlichen  Bot-Penzler,

  Fürst  Bülows  Reden  2c.  II.  17