Dezember  1905.  261

schönen  Worten  vor  diesem  Hohen  Hause,  vor  Europa  und  vor  der
Welt  den  friedlichen  Grundzug  unserer  Politik  zu  versichern.  Denn
gerade  unsere  Haltung  gegenüber  der  Marokkoangelegenheit,  wie  ich  sie
in  großen  Umrissen  gezeichnet  habe,  beweist  unanfechtbar,  daß,  wenn
wir  die  deutschen  Rechte  und  Interessen  zu  wahren  bestrebt  sind,  wir
doch  auch  materielle  Schwierigkeiten  und  diplomatische  Gegnerschaften
ohne  Mißachtung  der  Rechte  anderer,  ohne  Provokation,  friedlich  zu
überwinden  trachten.

(Bravol)
Indem  wir  das  tun,  sind  wir  ganz  im  Rahmen  der  deutschen  traditionellen
  Politik,  die  seit  der  Erlangung  unfrer  Einheit  kein  höheres  Ziel
und  kein  höheres  Interesse  gekannt  hat,  als  die  Kräfte  innerer  und
äußerer  Kultur  zu  entfalten  und  allezeit  gegen  die  Schrecken  des  Krieges
gerüstet  zu  sein.

(Bravo!l)
Wer  das  noch  nicht  erkannt  hat,  der  will  es  nicht  sehen,  und  da  helfen
auch  rednerische  Versicherungen  nichts.

(Lebhafter,  anhaltender  Beifall  auf  fast  allen  Seiten
des  Hauses.)

BI.  Deutsche  Kolonieu.  —  Marohko.  —  Sozialdemokratie.
Sitzung  des  Reichstages  vom  9.  Dezember  1905.1)

Die  Forrsetzung  der  ersten  Beratung  des  Reichshaushaltsetats  für  das
Rechnungsjahr  1906  und  der  Nebengesetze  stand  auf  der  Tagesordnung.  Der
Abgeordnete  Bassermann  hatte  in  längerer  Rede  ausgeführt:  man  müsse  sich
darauf  gefaßt  machen,  daß  eine  Zeit  kommen  könne,  in  der  eine  Isolierung
Deutschlands  eintreten  könne;  dann  sei  vor  allem  ein  starker  maritimer  Schutz
Deutschlands  norwendig.  Es  seien  Bemühungen  im  Werke,  bessere  Beziehungen
zwischen  Deurschland  und  England  herbeizuführen.  Er  sei  der  Anücht,  daß  die
Elemente,  die  uns  in  einen  Krieg  mit  England  treiben  wollen,  aufs  äußerste  zu
verdammen  ñnd.  Zurzeit  sei  es  als  ausgeschlossen  zu  berrachten,  daß  England
uns  angreifen  werde.  Troßdem  sei  jedes  deutsche  Schiff,  das  mehr  bewilligt  wird,
ein  Friedensvanzer.  Im  allgemeinen  Uimme  er  der  Regierungsvolitik  zu,  halte
aber  das  Einsetzen  der  Person  des  Kam#ers  für  nicht  ungefährlich.  Tas  hätte  vermieden
  werden  können,  wenn  wir  eine  #ärkere  Flotte  hätren.  Besonders  wandte
er  sich  gegen  die  Sozialdemokrarie,  die  mmer  bestrebt  sei,  die  Kreisfe  unserer
Diolomarie  zu  üören.

1)  Sten.  Ber.  d.  R.  X—.,  11.  Leg.-Ver.,  II.  Zeĩñon  145  199,  Sihung.