262  31.  Deutsche  Kolonien.

Reichskanzler  Fürst  von  Bülow:

Meine  Herren,  ich  danke  dem  Herrn  Vorredner  für  den  patriotischen
Grundton  seiner  Ausführungen,  der  auch  da  hervortrat,  wo  er  die  Politik
der  Verbündeten  Regierungen  kritisiert  hat.  Mein  Herr  Nachbar  zur
Rechten,  Graf  Posadowsky,  will  auf  einige  dieser  Kritiken,  die  der
Herr  Vorredner  speziell  am  Schlusse  seiner  Ausführungen  vorgebracht
hat,  im  weiteren  Verlaufe  der  Debatte  noch  antworten.  Ich  wende
mich  für  meine  Person  zunächst  zu  dem,  was  der  Herr  Abgeordnete
Bassermann  gesagt  hat  über  den,  wenn  nicht  ernstesten,  doch  besonders
schwierigen  Punkt  der  gegenwärtigen  Lage,  nämlich  den  Verhältnissen
in  den  Kolonien.

Mit  Recht  hat  der  Herr  Abgeordnete  Bassermann  darauf  hingewiesen,
  daß  wir  in  unserer  Kolonialpolitik  eine  Zeit  schwerer  Prüfung
durchzumachen  haben.  Seit  zwei  Jahren  stehen  unsere  Truppen  in  Südwestafrika
  im  Felde.  Es  ist  ihrer  Bravour  gelungen,  die  Widerstandskraft
  der  Hereros  vollständig  zu  brechen  und  auch  die  Witboi,  den
gefährlichsten  Hottentottenstamm,  zu  zersprengen  und  ihre  namhaftesten
Führer  zur  Unterwerfung  zu  bringen.  Aber  bis  in  die  letzten  Wochen
haben  im  Süden  des  Schutzgebietes  Gefechte  stattgefunden,  die  uns  herbe
Verluste  gebracht  haben.

In  dem  Wiederaufbau  unserer  südwestafrikanischen  Kolonie  steht
uns  eine  überaus  schwierige  Aufgabe  bevor.

(Sehr  richtig!  bei  den  Nationalliberalen.)

Ich  hoffe  zuversichtlich,  daß  der  neue  Gouverneur,  Herr  von  Lindegquist,
der  —  ich  kann  es  wohl  sagen  —,  von  dem  Vertrauen  aller  Ansiedler
empfangen,  im  Schutzgebiet  eingetroffen  ist,  sich  dieser  seiner  Aufgabe
gewachsen  zeigen  wird.  Ich  hoffe,  daß  unsere  Landsleute  draußen  in
der  friedlichen  Arbeit,  die  sie  jetzt  allmählich  wieder  aufnehmen,  ihre
Pflicht  mit  ebenso  viel  Ausdauer  und  Zähigkeit  erfüllen  werden  wie
unsere  Truppen  die  ihrige  in  harten  Kämpfen.

Noch  ehe  der  Friede  in  Südwestafrika  hergestellt  ist,  hat  auch  in
Ostafrika  eine  aufrührerische  Bewegung  weitere  Kreise  erfaßt.  Gleich
zu  Anfang  sind  ihr  zu  unserem  tiefen  Bedauern  eine  Anzahl  Weißer,
darunter  Missionare  und  Schwestern,  die  friedlich  ihres  Weges  zogen,
zum  Opfer  gefallen.  Erfreulicherweise  ist  es  unserer  Truppe  bisher  an
allen  wichtigen  Punkten  gelungen,  ohne  erhebliche  Verluste  der  Bewegung
Herr  zu  werden.  Aber  auch  hier  ist  Vorsicht  geboten.  Die  Entsendung
von  Kreuzern  und  von  Marinemannschaften  hat  sich  ebenso  wie  die