Dezember  1905.  271

hier  vorgestern  nachgewiesen,  daß  sich  während  dieser  dreißig,  vierzig
Jahre  der  Wohlstand  des  deutschen  Volkes  in  den  oberen,  mittleren
und  unteren  Schichten  beständig  gehoben  hat.  Dieser  wirtschaftliche
Aufschwung  ist  erfolgt  nicht  trotz  des  Militarismus,  sondern  das,  was
man  Militarismus  neunt,  war  die  Vorbedingung  dieses  Aufschwunges.

(Sehr  wahrk  rechts.)

Nur  dank  unserer  Wehrkraft  konnte  sich  unser  Wohlstand,  unsere  wirtschaftliche
  Blüte  entfalten.  Die  Grundlage,  die  notwendige  Unterlage
unserer  Wehrkraft  aber  sind  geordnete  und  gesunde  Finanzen.  Ohne
geordnete  Finanzen  keine  Wehrkraft,  ohne  Wehrkraft  kein  Frieden,  ohne
Frieden  kein  Wohlstand.  Von  sozialdemokratischer  Seite  wird  immer
hingewiesen  auf  das  Steigen  der  militärischen  Ausgaben.  Ja,  meine
Herren,  wie  sehr  die  militärischen  Ausgaben,  die  Ausgaben  für  Heer
und  Marine  steigen,  das  habe  ich  selbst  vor  einigen  Tagen  an  der  Hand
eines  reichhaltigen  Materials  betont.  Die  militärischen  Ausgaben  steigen
aber  nicht  nur  bei  uns,  sie  steigen  auch  in  allen  anderen  Ländern,  sie
steigen  anderswo  sogar  rascher  und  in  größerem  Umfange  als  bei  uns.
Bei  uns  werden  für  militärische  Zwecke  —  ich  zitiere  aus  dem  Gedächtnis
  —  etwa  1200  Millionen  jährlich  ausgegeben,  für  wirtschaftliche
und  kulturelle  Zwecke  im  Reiche  und  den  Bundesstaaten  das  Vielfache.
Im  republikanischen  Frankreich  liegen  die  Sachen  umgekehrt,  da  werden
mehr  als  zwei  Milliarden  ausgegeben  allein  für  militärische  Zwecke  und
beträchtlich  weniger  für  die  innere  Verwaltung.

(Hört!  hört!  bei  den  Nationalliberalen.)

Wenn  wir  diesen  von  unserem  Willen  unabhängigen  Tatsachen  nicht
Rechnung  tragen,  würden  wir  den  Wohlstand,  die  Sicherheit  und  den
Frieden  des  Landes  gefährden.  Der  Herr  Finanzminister  hat  in  der
ausgezeichneten  Rede,  die  er  hier  vorgestern  gehalten  hat,  an  einen
großen  französischen  Patrioten,  Herrn  Thiers,  erinnert,  der  mit  seltener
Vaterlandsliebe  und  seltener  Entschlossenheit  die  wirtschaftliche  und
politische  Wiedergeburt  seines  Landes  in  die  Wege  geleitet  hat.  Ich
will  ein  anderes  Wort,  das  auch  ein  einsichtiger  Franzose  gesprochen
hat,  anführen.  Als  Ende  der  sechziger  Jahre  einer  der  Führer  der
radikalen  Opposition  in  der  französischen  Deputiertenkammer  dem  französischen
  Kriegsminister  vorwarf,  daß  er  mit  seinen  Vorlagen  Frankreich
in  eine  Kaserne  verwandeln  wolle,  erwiderte  ihm  der  Kriegsminister
Niel:  Sehen  Sie  sich  vor,  daß  Sie  mit  der  Verweigerung  solcher  Vorlagen
  Frankreich  nicht  in  einen  Kirchhof  verwandeln!