Dezember  1905.  273

die  Sozialdemokratie  den  Besuch  des  Herrn  Jaurêès  in  Berlin  wünschte,
um  ihn  für  die  innerpolitischen  Ziele  der  deutschen  Sozialdemokratie
auszuschlachten.  Die  Sozialdemokratie  wollte  die  Legende  verbreiten,
als  ob  sich  die  Regierung  mit  kriegerischen,  mit  frivolen  Kriegsabsichten
getragen  hätte,  aber  an  der  Ausführung  dieser  Absichten  verhindert
worden  wäre  durch  die  Sozialdemokratie.  Es  sollte  das  Märchen  in
Umlauf  gesetzt  werden,  als  ob  die  Regierung  nicht  imstande  gewesen
wäre,  den  Frieden  mit  Ehren  zu  wahren,  dazu  hätte  sie  der  Unterstützung
der  Sozialdemokratie  bedurft.
(Heiterkeit  rechts.)

Die  Sozialdemokratie  wollte  sich  als  die  Retterin  des  Kapitols
  aufspielen.

(Große  Heiterkeit.)
In  einem  Leipziger  Blatt  las  ich  damals  die  ganz  zutreffende  Bemerkung:
  „Der  Palmwedel,  den  die  Sozialdemokratie  für  Herrn  Jaures
bereit  hält,  ist  im  Grunde  nur  ein  dürftiges  Feigenblatt.“

(Heiterkeit.)

Meine  Herren,  die  Entscheidung  über  die  großen  Fragen  der  auswärtigen
  Politik,  über  Krieg  und  Frieden,  liegt  nicht  bei  der  sozialdemokratischen
  Agitation,  die  wird  nicht  von  den  sozialdemokratischen
Agitatoren  in  der  Hasenheide  anusgetragen,  die  Entscheidung  über  Krieg
und  Frieden  liegt  in  Deutschland  bei  denjenigen  Faktoren,  die  dazu  verfassungsmäßig
  berufen  sind.

(Bravok  rechts.)
So  weit  sind  wir  nicht  gekommen,  daß  wir  uns  dies  verfassungsmäßige
Recht  entwinden  ließen,  daß  wir  die  Entscheidung  über  die  allerernstesten
Fragen,  von  denen  Wohl  und  Wehe  der  Zukunft  und  Frieden  der
Nation  abhängt,  hineingleiten  ließen  in  den  Strudel  der  sozialdemokratischen
  Agitation!
(Sehr  richtig!  rechts,  in  der  Mitte  und  bei  den
Nationalliberalen.)

Solange  ich  an  dieser  Stelle  stehe,  wird  die  auswärtige  Politif
des  Landes  nicht  unter  den  Willen  der  Sozialdemokratie  gebeugt

  werden
(lebhafter  Beifall);

denn  die  Sozialdemokratie  behandelt  die  auswärtigen  Fragen

nicht,  wie  sie  behandelt  werden  müssen:  lediglich  vom  Standpunkt
Penzler,  Fürst  Bülows  Reden  rc.  II.  18