284  32.  Auswärtige  Beziehungen  und  die  Sozialdemokratie.

Wenn  für  den  Sozialdemokraten  das  Vaterland  der  Güter
höchstes  nicht  ist,  wenn  dessen  Interessen  untergeordnet  sind  denen
des  allgemeinen  proletarischen  Emanzipationskampfes,  dann  kann
seine  Verteidigung  auch  nicht  unter  allen  Umständen  Pflicht  der
Sozialdemokratie  sein,  sondern  nur  dann,  wenn  das  patriotische
Interesse  mit  den  proletarischen  Interessen  oder  denen  der  allgemeinen
  gesellschaftlichen  Entwicklung  zusammenfällt.

(Sehr  richtig!  bei  den  Sozialdemokraten.)

Ausdrücklich  fügt  Herr  Kautsky  hinzu,  daß  ebensowenig  wie  die
Sozialdemokratie  sich  für  jeden  Krieg,  sei  es  auch  ein  Verteidigungskrieg,
begeistere,  sie  ebensowenig  jede  Teilnahme  an  dem  Krieg  verurteile  etwa
mit  der  Motivierung,  die  Sozialdemokratie  wolle  Frieden  zwischen  allen
Völkern.  Das  ist  eine  hübsche  Illustration  zu  der  begeisterten  Friedenstirade,
  die  wir  soeben  gehört  haben,  eine  hübsche  Illustration  zu  der
Resolution  des  sozialdemokratischen  Parteitags  in  Jena,  wo  die  Sozialdemokratie
  für  sich  das  Monopol  der  Friedensarbeit  und  der  Friedensliebe
  in  Anspruch  nahm.  Ich  will  hier  vor  dem  Lande  feststellen,  daß
das  nicht  zutrifft.  Im  Widerspruch  mit  dem,  was  der  Herr  Vorredner
ausgeführt  hat,  erklärt  Kautsky  ausdrücklich:
Nicht  einmal  jeder  Angriffskrieg  sei  zu  verurteilen.
(Hörtl  hört.)
Die  Unterscheidung  zwischen  Angriffs=  und  Verteidigungskrieg  sei
überhaupt  in  den  meisten  Fällen  eine  zweifelhafte.  Die  Sozialdemokratie
  könne  sehr  wohl  in  die  Lage  kommen,  einen  Angriffskrieg
  zu  fordern.
(Hört“  hört.)
Im  Jahre  1848  hätten  Marx  und  Engels  einen  deutschen  Angriffskrieg
  gegen  Rußland  für  nötig  gehalten.
(Aha!  rechts.)

Später  hätten  sie  sich  bemüht,  England  zum  kriegerischen  Vorgehen

gegen  Rußland  aufzustacheln.  Dürfen  wir  sie  deswegen  tadeln?
—  fragt  Herr  Kautsky,  und  er  antwortet:  „Sicher  nicht!“  Herr  Kautsky
hätte  hinzufügen  können,  daß  es  von  seinem  Standpunkte  aus  ganz
begreiflich  war,  wenn  beispielsweise  im  Sommer  vorigen  Jahres  nach
dem  Zwischenfall  an  der  Dogger  Bank  die  deutsche  sozialdemokratische
Presse  sich  solche  Mühe  gab,  England  zum  kriegerischen  Vorgehen  gegen
Rußland  zu  ermutigen,  und  daß  es  auch  ganz  in  der  Ordnung  war,