Dezember  1905.  289

nicht  gerade  freundlich  gesinnte  Blätter  wie  die  Londoner  „Times“  und
der  Pariser  „Temps"“,  die  in  England  und  in  Frankreich  den  Sozialismus
  bekämpfen,  sich  nicht  genug  tun  können  in  Lobeserhebungen  über
die  Reden  des  Herrn  Vorredners.

(Sehr  wahr!  rechts  und  bei  den  Nationalliberalen.  Heiterkeit.)
So  mag  wohl  ein  skrupelloser  Kaufmann,  obwohl  er  selbst  in  seinem
Bureau  strenge  Zucht  hält,  es  nicht  ungern  sehen,  wenn  sein  Rivale
Angestellte  hat,  die  unter  Umständen  bereit  sind,  das  Konkurrenzhaus
in  die  Luft  zu  sprengen.

(Große  Heiterkeit.  —  Unruhe  links.)
In  der  Beziehung  haben  unsere  ausländischen  Neider  und  Feinde  eine
feine  Witterung.  Wenn  es  jemals  unserer  Sozialdemokratie  gelänge,
das  Ziel  zu  erreichen,  von  dem  der  Herr  Vorredner  soeben  wieder  erklärt
  hat,  daß  es  ihr  vorschwebt;  wenn  sie  je  bei  uns  das  Heft  in  die
Hand  bekäme,  so  würde  das  nicht  nur  den  Verlust  unserer  Grenzprovinzen
  bedeuten,  die  mit  deutschem  Schweiß  und  Blut  getränkt  sind,
sondern  wir  würden  wieder  dastehen,  wie  in  den  jämmerlichsten  Zeiten
unserer  Geschichte,  als  Spielball  für  fremde  Willkür,  als  Tummelplatz
für  fremde  Beutegier.
(Bravo!l)
Man  hat  oft  Parallelen  zwischen  französischen  Jakobinern  und  deutschen
Sozialdemokraten  gezogen.  Ich  leugne  nicht,  daß  eine  gewisse  Ahnlichkeit
  vorhanden  ist,  Ahnlichkeit  im  Gedankengange,  in  der  Redeweise,  im
Fanatismus  wie  im  Dogmatismus,  Ahnlichkeit  vielleicht  auch  in  der
freundlichen  Gesinnung  der  Herren  untereinander.
(Große  Heiterkeit.)
Aber  ein  Unterschied  waltet  ob  zwischen  der  deutschen  Sozialdemokratie
und  den  französischen  Jakobinern.  Die  französischen  Jakobiner  waren
Patrioten  durch  und  durch,  sie  wollten  ein  großes,  ein  starkes  Frankreich,
  Frankreich  ging  ihnen  über  alles;  —  unsere  Jakobiner  fangen
damit  an,  überall  vor  den  Ansprüchen  des  Auslandes  zurückzuweichen,
unsere  Grenzposten  aufzugeben,  sie  wollen  kein  stärkeres,  sie  wollen  ein
schwächeres,  ein  verkleinertes  Deutschland.  Das  ist  der  tiefste  Graben
zwischen  ihnen  und  uns,  das  ist  das,  was  die  größte  Kluft  bildet
zwischen  ihnen  und  uns:  der  Mangel  an  Verständnis  für  die  Daseinsbedingungen
  der  Nation,  für  diejenigen  Forderungen,  ohne  welche  die
Nation  ihre  Stellung  in  der  Welt  nicht  behaupten  kann.

(Zurufe  von  den  Sozialdemokraten.)
Penzler,  Fürst  Bülows  Reden  2c.  II.  19