November  1966.  307

von  Mitgliedern  dieses  Hauses  zuteil  geworden  sind;  auch  diesem
Hohen  Hause  als  solchem  und  Ihrem  verehrten  Herrn  Präsidenten
möchte  ich  danken  von  diesem  meinem  Platze  aus,  den  ich  mit  Gottes
Hilfe  hier  wieder  einnehme.  Ich  tue  das  in  dem  Gefühl  und  tue  es
in  der  Überzeugung,  die  mich  geleitet  hat  seit  dem  Tage  meines  Amtsantrittes,
  nämlich  daß  Bundesrat,  Reichstag  und  Reichskanzler  zusammengehören
  durch  die  Verfassung  und  auf  dem  Boden  der  Verfassung  zum
Wohle  des  Vaterlandes.  Sie  bilden  das  Obergeschoß  des  Reichsbaues,
dessen  Fundamente  vor  einem  Menschenalter  gelegt  wurden,  geheiligt
durch  das  Blut  der  Tausende,  die  gebettet  liegen  von  Düppel  und  Alsen
bis  zu  den  Tälern  des  Jura.  In  diesem  Bau  verkörpert  sich  der
deutsche  Einheitsgedanke:  was  den  einen  Teil  trifft,  das  trifft  auch  die
anderen.

In  Beantwortung  der  an  mich  gerichteten  Interpellation  will  ich
jetzt  auf  unsere  internationalen  Beziehungen  eingehen  und  auf  die
Stellung  des  Reiches  in  der  Welt.  Ich  behalte  mir  dabei  vor,  auf!
manche  Punkte,  die  der  Herr  Antragsteller  bei  der  Begründung  seiner
Interpellation  näher  berührt  hat,  im  weiteren  Verlauf  der  Debatte  zurückzukommen.


Was  zunächst  unser  Verhältnis  zu  Frankreich  angeht,  so,  glaube
ich,  müssen  wir  unterscheiden  zwischen  dem,  was  vielleicht  an  und  für
sich  wünschenswert  und  dem,  was  nach  Lage  der  Verhältnisse  möglich
ist.  Der  Gedanke  eines  engeren  Anschlusses  oder  auch  eines  Bündnisses
mit  Frankreich,  wie  er  hier  und  da  in  der  Presse  auftaucht,  ist,  wie  die
Stimmung  in  Frankreich  noch  ist,  nicht  realisierbar.  Je  weniger  Illusionen
  wir  uns  in  dieser  Beziehung  machen,  um  so  besser.  Die  Gründe
hierfür  liegen  in  den  Ereignissen  der  Vergangenheit,  die  von  uns  und
unseren  französischen  Nachbarn  verschiedenartig  aufgefaßt  werden;  sie
liegen  auch  in  der  Lebhaftigkeit  des  französischen  Patriotismus,  die  man
je  nachdem  übertriebene  Eigenliebe  oder  nachahmungswerten  Nationalstolz
nennen  kann.  Ich  persönlich  neige  der  letzteren  Auffassung  zu.  Ich
habe  vor  vielen  Jahren  in  Paris  die  Ehre  gehabt,  einem  sehr  hervorragenden,
  einem  großen  Franzosen  näher  zu  treten  und  ihm  ein  dankbares
Andenken  bewahrt:  denn  er  ist  für  mich,  der  ich  damals  ein  junger  Botschaftssekretär
  war,  menschlich  gut  und  freundschaftlich  gewesen.  Das
war  Löon  Gambetta,  und  ich  erinnere  mich,  wie  er  mir  eines  Abends
in  kurzen,  markigen,  lapidaren  Zügen  sein  Vorgehen  und  seine  Haltung
nach  Sedan,  als  Mitglied  der  Regierung  der  nationalen  Verteidigung,
schilderte,  deren  Seele  er  war.  „Frankreich“,  sagte  er  mir,  „war  in

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