November  1906.  309

mochte,  war  der  schwere  Vorwurf,  der  gegen  Napoleon  III.  erhoben
wurde;  daß  er  gerade  diese  Seite  der  Politik  des  zweiten  Kaiserreichs
bekämpfte,  gereichte  Thiers  zum  Ruhm.  Wie  die  französische  Politik
Jahrhunderte  hindurch  bei  inneren  deutschen  Zwistigkeiten  die  Hand  im
Spiele  hatte,  indem  sie  bei  uns  die  zentrifugalen  Strömungen  und  Elemente
  begünstigte,  brauche  ich  nicht  auszuführen.  Diese  lange  Periode
französischer  Mitarbeit  in  Deutschland  kam  1870  zum  Abschluß.
  Damals  erlangte  Deutschland  nicht  nur  die  ihm  in  den  Zeiten
seiner  Uneinigkeit  und  deshalb  Ohnmacht  entrissenen  Grenzlande  wieder,
sondern  es  erlangte  gleichzeitig  die  innere  Einheit  und  die  Einigkeit  nach
außen.  Diese  letztere  Errungenschaft  wird  noch  wirksamer,  als  der
Besitz  von  Metz  und  Straßburg,  verhindern,  daß  je  wieder  deutsche
Grenzgebiete  zum  Tummelplatz  fremder  Kriegslust  werden.

Auch  Italien,  Frankreichs  anderer  Nachbar,  ist  kein  Mosaikbild
mehr.  Als  einheitlicher  Nationalstaat,  und  durch  den  Dreibund  gestärkt,
kann  es  sich  heute  Frankreich  nähern,  ohne  Besorgnis,  von  seinem  mächtigen
  Nachbar  abhängig  zu  werden.  Es  ist  begreiflich,  daß  es  dem
stolzen  französischen  Patriotismus  schwer  fällt,  sich  in  diese
Tatsachen  der  Gegenwart  zu  finden  und  namentlich  in  das  Erstarken
  eines  deutschen  Volksbewußtseins,  das  volle  Gleichberechtigung
mit  anderen  Völkern  verlangt.  Daran  hat  auch  der  Marokkozwischenfall
  nichts  geändert,  wenn  sich  hierbei  auch  erfreulicherweise
  von  neuem  gezeigt  hat,  daß  beide  Völker  in  Frieden
miteinander  auszukommen  wünschen.

Ich  höre  manchmal,  es  gebe  Franzosen,  die  ein  näheres  Verhältnis
mit  uns  wünschen.  Unter  vier  Augen  hat  auch  mir  dieser  oder  jener
Franzose  gesagt,  er  würde  intimere  Beziehungen  zu  uns  winschen:
öffentlich  ist  aber  noch  keiner,  kein  Deputierter,  kein  Minister,
kein  Senator  vor  seinem  Volke  dafür  eingetreten,  ich  meine,
unter  Voraussetzungen,  die  für  uns  annehmbar  wären.

(Zuruf  von  den  Sozialdemokraten.)

—  Jaurès?  Eine  Schwalbe  macht  noch  keinen  Sommer,  selbst  wenn
sie  eine  rote  Schwalbe  ist.

(Heiterkeit.)
Was  aber  zwischen  uns  und  Frankreich  sehr  gut  möglich  ist,
das  sind  ruhige,  normale  und  korrekte  Beziehungen.  Ich  hoffe
—  und  ich  glaube,  ich  kann  sagen,  wir  hoffen  alle  ohne  Unterschied
der  Partei  von  links  bis  rechts  —,  daß  die  Zahl  der  einsichtigen