314  37.  Internationale  Lage:  England,  Italien.

Länder  eintraten,  und  hinzugefügt,  wir  befänden  uns  genau  in  derselben
Lage.  Das  deutsche  Volk  und  der  Deutsche  Kaiser  haben  keine  kriegerischen
  Gelüste.  Friedensstörungen  und  Angriffe  werden  nicht  von  uns
ausgehen.  Das  Deutsche  Reich  ist  seit  seiner  Wiedererrichtung  in  ununterbrochenem
  Frieden  mit  allen  anderen  Ländern  geblieben.  Das
Gleiche  läßt  sich  nur  von  wenigen  anderen  Staaten  sagen.  Durch  diese
unsere  Haltung  während  nun  35  Jahren  ist  der  unwiderlegliche  Beweis
erbracht  worden,  daß  Deutschland  eine  eminent  friedliche  Politik  verfolgt.
  Auch  in  Zukunft  werden  Friedensstörung  und  Angriff
nicht  von  uns  ausgehen.  Wir  erkennen  auch  ohne  Hintergedanken
die  Stellung  an,  die  sich  England  seit  langem  und  in  weitem  Umfange
in  der  Welt  gemacht  hat.  Daß  das  keine  Redensart  ist,  beweist  unsere
Haltung  in  der  ägyptischen  Frage,  die  der  Herr  Abgeordnete  Bassermann
  soeben  gestreift  hat.  Fürst  Bismarck  pflegte  zu  sagen:  wir  sind
in  Serbien  österreichisch,  in  Bulgarien  russisch,  in  Agypten  englisch.
Auch  seit  den  Tagen  des  Fürsten  Bismarck  haben  wir  immer  die
günstigen  Wirkungen  der  englischen  Mitverwaltung  des  Nillandes  anerkannt
  und  England  in  Agypten  keine  Steine  in  den  Weg  gelegt,
selbst  dann  nicht,  als  wir  ein  formales  Recht  dazu  gehabt  hätten.
Damit  meine  ich  den  Erlaß  der  Khedivialverordnung  von  1904,  der  wir
ohne  weiteres  unsere  Zustimmung  erteilt  haben.  Nichtsdestoweniger
sind  uns  in  englischen  und  französischen  Blättern  anläßlich  des  Akabafalles
  allerlei  dunkle  Machenschaften  angedichtet  worden.  Man  war
aber  auf  der  Hohen  Pforte  ebenso  wie  in  London  genau  darüber
unterrichtet,  daß  schon  unsere  Interessen  an  einer  ruhigen  Entwicklung
des  türkischen  Reiches  uns  eine  friedliche  Beilegung  dieses  Streitfalles
wünschen  ließen.

Von  dem  Verhältnis  zwischen  Deutschland  und  England  gilt,  was
Fürst  Bismarck  einmal  —  wenn  ich  mich  nicht  täusche,  im  Jahre  1867  —
über  die  Annäherung  zwischen  Norddeutschland  und  Süddeutschland  sagte,
nämlich  daß  die  Früchte  nicht  rascher  reifen,  wenn  man  eine  Lampe
unter  sie  hält.  Wenn  die  Beziehungen  zwischen  Deutschland  und  England
freundschaftlichere  und  vertrauensvolle  werden  sollen,  so  ist  vor  allem
Zeit  und  Geduld  notwendig;  denn  eine  lange  Periode  der  Mißverständnisse
  liegt  hinter  uns.  Die  Nadel  des  politischen  Barometers  ist  glücklich
von  Regen  und  Wind  auf  Veränderlich  gegangen.

1  (Heiterkeit.)
Forcieren  läßt  sie  sich  nicht.  Wenn  sie  auf  schön  Wetter  zeigen  soll,
müssen  von  beiden  Seiten  neue  Reizungen  und  Trübungen  vermieden