November  1906.  315

werden.  Vor  allem  müssen  die  Lebensinteressen  der  großen  Völker
hoch  über  persönlichen  Reibungen  und  Empfindungen  stehen.

(Sehr  gut.)
Das,  meine  Herren,  gilt  natürlich  für  beide  Länder,  und  es  gilt  für

jede  Rangstufe.
(Sehr  wahr!  rechts  und  links.)

Man  hat  angeblichen  Verstimmungen  zwischen  den  beiden  Sonveränen,
die  an  der  Spitze  des  deutschen  und  des  englischen  Volkes  stehen,  zu
große  Bedentung  beigelegt.  Weder  König  Eduard  noch  Kaiser  Wilhelm
werden  persönlichen  Empfindlichkeiten  Einfluß  auf  sachliche  Erwägungen,
auf  die  Wahrnehmung  der  politischen  Interessen  ihrer  Länder  gestatten.
König  Eduard  ist  bei  uns  mit  der  Achtung  und  der  Ehrerbietung  aufgenommen
  worden,  die  ihm  nicht  nur  als  Oberhaupt  des  englischen
Volkes  gebühren,  sondern  auch  nach  seinen  staatsmännischen  Eigenschaften;
die  Begegnung  von  Kronberg  hat  denn  auch  die  guten  persönlichen
Beziehungen  zwischen  beiden  Monarchen  bekräftigt

(Zuruf  links)

und  die  Hoffnung  befestigt,  daß  sich  das  Wort  bewahrheiten  werde,  das
der  König  1904  gesprochen  hat,  nämlich  daß  die  Flaggen  beider  Länder
niemals  feindlich  gegeneinander  wehen  sollten.

Der  Herr  Abgeordnete  Bassermann  hat  gemeint,  daß  die  Haltung
Italiens  auf  der  Konferenz  von  Algeciras  unseren  Erwartungen
nicht  entsprochen,  daß  sie  uns  Grund  zur  Unzufriedenheit  gegeben  hätte.
Die  damalige  Haltung  mancher  italienischer  Blätter  entsprach  allerdings
nicht  dem  zwischen  Deutschland  und  Italien  bestehenden  Bündnisverhältnis.
Von  der  Haltung  der  italienischen  Regierung  und  namentlich  der  Herren
Sonnino,  San  Giuliano,  Visconti-Venosta  und  Gunieeiardini  kann  ich
das  nicht  sagen.  Italien  befand  sich  auf  der  Konferenz  von  Algeciras
in  einer  schwierigen  Lage.  Zwischen  Italien  und  Frankreich  bestanden
hinsichtlich  Marokkos  gewisse  Verabredungen,  von  denen  wir  wissen,
daß  sie  nicht  im  Widerspruch  mit  dem  Dreibundvertrage  standen.  Wir
haben  den  Italienern  sogar  in  früheren  Jahren  vor  meiner  Zeit  gelegentlich
gesagt,  daß  wir  es  ihnen  überlassen  müßten,  wie  sie  sich  im  Mittelmeer
und  speziell  in  Afrika  mit  ihren  dortigen  Nachbarn  auseinandersetzen
wollten.

Als  nun  die  Art  und  Weise,  wie  unsere  vertragsmäßigen  Rechte
in  Marokko  ignoriert  wurden,  uns  zum  Vorgehen  zwang  und  sich  daraus
schließlich  die  Konferenz  von  Algeciras  entwickelte,  kam  Italien  in  eine