November  1906.  317

Während  der  vielen  Jahre,  der  6  Jahre  —  gestatten  Sie  mir
eine  kleine  persönliche  Reminiszenz  —,  wo  ich  die  Ehre  hatte,  das
Reich  als  Gesandter  in  Rumänien  zu  vertreten,  in  Rumänien,  einem
Lande  und  einem  Volke,  die  mir  lebhafte  Anhänglichkeit  und  aufrichtige
Sympathie  eingeflößt  haben,  unter  der  weisen  und  erleuchteten  Leitung
des  Königs  Karol,  eines  der  tüchtigsten  und  pflichttreuesten  Fürsten,  die
mir  vorgekommen  sind  —  also  ich  sage,  während  meiner  langjährigen
Tätigkeit  in  Bukarest  pflog  ich  freundschaftlichen  Verkehr  mit  einem
hervorragenden  Mitglied  der  dortigen  Kammer,  der  mir  für  die  Zeit,
wo  er  erst  Minister  sein  würde,  allerlei  schöne  Versprechungen  machte.
Als  er  nun  endlich  Minister  wurde  und  gar  keine  Anstalten  machte,
seine  Zusagen  einzulösen

(Zurufe  bei  den  Sozialdemokraten),

da  erinnerte  ich  ihn  schließlich,  natürlich  in  zartfühlender  Weise  —  Sie
kennen  ja  meine  Art
(große  Heiterkeit)  —,

an  seine  Versprechungen,  und  da  antwortete  mir  der  treffliche  Mann
mit  dem  Brustton  wahrer  Uberzeugung:  Sie  glauben  gar  nicht,
mein  werter  Herr  —  sagte  er  zu  mir  —,  wie  man  seine  Ansichten
ändert,  sobald  man  Minister  wird.

(Große  Heiterkeit,  Zurufe  bei  den  Sozialdemokraten.)

Auf  französisch  klang  das  noch  hübscher:  „Vous  ne  sauriez  croire,  mon
cher  monsieur.  duel  point  le  gonvernement  change  les  idées  d’un
domme.  Sie  glauben  gar  nicht,  mein  lieber  Herr,  wie  das  Regieren
die  Ansichten  eines  Menschen  von  Grund  aus  umkrempelt.

(Erneute  Heiterkeit.)
Das  machte  mir  damals  einen  gewissen  Eindruck.  Ich  war  selbst  noch

nicht  Minister  gewesen.
(Heiterkeit.)

Das  habe  ich  mir  gemerkt,  das  kommt  auch  anderswo  vor.

(Sehr  wahr!  bei  den  Sozialdemokraten.)
Was  die  italienischen  Politiker  angeht,  so  braucht  die  große  Mehrzahl
ihre  Ansichten  gar  nicht  zu  ändern;  denn  alle  ernsthaften  italienischen
  Politiker,  mögen  sie  Minister  sein  oder  werden  können,
sind  zu  einsichtig,  sind  zu  patriotisch,  als  daß  sie  Lust  haben
sollten,  das  italienische  Staatsschiff  aus  dem  ruhigen  Hafen