November  1906.  321

rufen;  hoffentlich  bleibt  es  nicht  bei  diesem  vielversprechenden  Anfang
(Heiterkeit)  —
ich  sage  also:  wie  es  OÖsterreich  und  Preußen  1792  bei  ihrer  Intervention
  in  Frankreich  erlebt  haben,  das  hat  nur  die  französische  Revolution
  elektrisiert  und  in  ihrer  Folge  das  erste  französische  Kaiserreich
mit  seinen  Eroberungszügen  herbeigeführt.  Wir  wünschen,  daß  es  der
russischen  Regierung  und  dem  russischen  Volke  gelingen  möge,  einen
Ausweg  aus  ihren  gegenwärtigen  inneren  Schwierigkeiten  zu  finden.
Wir  wünschen,  daß  Rußland  in  gemeinsamer  Arbeit  von  Regierung
und  Volk  als  Großmacht  und  als  einheitliches  Reich  erhalten  bleibt;
denn  ein  innerlich  gesundes  und  kräftiges  Rußland  ist  wertvoll  als
Faktor  der  Erhaltung  des  Gleichgewichts  in  Europa  und  in  der  Welt.
Aber  dabei  mischen  wir  uns  in  keiner  Weise  in  die  inneren  Verhältnisse
  Rußlands  ein.  Dadurch  unterscheidet  sich  ja  gerade  —  das  kann
ich  Ihnen  nicht  verschweigen,  Herr  Ledebour  —  unsere  Politik  von  der
von  manchen  anderen  Seiten  empfohlenen  Politik,  daß  wir  bei  inneren
Konflikten,  Streitigkeiten  und  Wirren  benachbarter  und  befreundeter
Länder  nicht  fanatisch  Partei  ergreifen
(sehr  richtig!  rechts),
sondern  unsere  Politik  nur  zuschneiden  im  Hinblick  auf  die  allgemeine
Weltlage,  auf  die  Sicherheit  des  eigenen  Landes.  Solche  doktrinäre
Parteinahme  erscheint  uns  landesverderblich.
(Sehr  richtig!  rechts.)
So  einfach  und  leicht  ist  unsere  Stellung  in  Europa  denn  doch
nicht,  daß  wir  uns  den  Luxus  gestatten  könnten,  uns  unpolitischen
  Gefühlswallungen  hinzugeben.  Die  Art  und  Weise  —  das
muß  ich  noch  hinzufügen  —,  wie  die  Sozialdemokratie  in  allen  diesen
Fragen  Partei  ergreift,  ist  vom  nationalen  Standpunkte  aus  gerade  so
unrichtig  und  gerade  so  falsch,  wie  es  beispielsweise  am  Ausgange  des
18.  Jahrhunderts  das  Verhalten  der  französischen  Emigranten  war  oder
später  die  Politik  der  heiligen  Allianz  und  ihrer  Anhänger  vom  Wiener
Kongreß  bis  zum  Krimkrieg  oder,  wenn  ich  an  unsere  preußische  Geschichte
  denke,  das  Treiben  des  Eidechsenbundes  bei  den  Kämpfen  zwischen
Polen  und  dem  Ordensstaate  Preußen.  Dieselben  Ursachen,  dieselben
Leidenschaften  und  dieselben  Schwächen,  dieselbe  Unfähigkeit,  die  eigene
Parteidoktrin,  das  eigene  Parteiinteresse  dem  Wohle  des  Ganzen  unterzuordnen,
  rufen  eben  bei  den  Menschen  immer  wieder  dieselben  Erscheinungen
  hervor,  ob  es  sich  nun  um  einen  Marquis  des  ancien
Penzler,  Fürst  Bülows  Reden  2c.  II.  21