322  37.  Internationale  Lage:  Rußland,  Japan.

rögime,  einen  Strauchritter  des  Mittelalters  oder  um  einen  orthodoxen
Marxisten  wie  Herrn  Ledebour  handelt.

(Heiterkeit.)

Ich  freue  mich,  meinerseits  feststellen  zu  können,  daß  unsere  Beziehungen
  zu  Rußland  gute  und  freundliche  sind.  Ich  muß  weit
zurückgehen  in  meinen  diplomatischen  Erinnerungen,  um  eine
Periode  zu  finden,  wo  die  Beziehungen  zwischen  Deutschland
und  Rußland  so  normale,  so  ruhige  und  so  korrekte  waren
wie  heute,  und  dabei  betone  ich  gegenüber  dem  Herrn  Abgeordneten
Bassermann  ausdrücklich,  daß  die  wiederholten  Begegnungen
zwischen  unserm  Kaiser  und  dem  Kaiser  von  Rußland  wesentlich
  dazu  beigetragen  haben,  jenes  gegenseitige  Vertrauen  aufrecht
  zu  erhalten,  das  eine  der  besten  Bürgschaften  des  europäischen
Friedens  ist,  und  das  hoffentlich  immer  zwischen  diesen  beiden  Ländern
aufrecht  erhalten  bleiben  wird  zum  Wohle  beider  Völker  und  zum  Besten
des  europäischen  Friedens.  Bei  den  Begegnungen  der  beiden  Monarchen
ist  von  inneren  russischen  Verhältnissen  nicht  die  Rede  gewesen  und
namentlich  nicht  im  Sinne  reaktionärer  deutscher  Ratschläge.  Die  Begegnungen
  haben  sehr  dazu  beigetragen,  die  im  Verhältnis  zu  Deutschland
  früher  vorhandenen  Schatten  von  Mißtrauen  und  Verstimmung
abzustreifen;  die  beiden  Kaiser  haben  heute  einer  von  dem  andern  die
volle  Uberzeugung  friedlicher,  freundlicher  und  loyaler  Absichten.

Rußland  braucht  gegenwärtig  alle  seine  guten  Kräfte  zur  Regelung
seiner  inneren  Verhältnisse.  Nach  dem  Krimkriege  schrieb  Fürst  Gortschakoff
  in  einer  berühmten  Depesche:  La  Russie  ne  boude  pas.  elle
Se  recueille  —  Rußland  schmollt  nicht,  es  sammelt  sich.  Auch  gegenwärtig
  hält  die  russische  Regierung  es  offenbar  für  nützlich,  sich  auf
dem  auswärtigen  Gebiete  nicht  auf  weitschauende  Unternehmungen  einzulassen.
  Zwischen  Rußland  und  England  schweben  seit  einiger
Zeit  Unterhandlungen,  welche  den  Erfolg  versprechen,  daß  über
gewisse  zentralasiatische  Gebiete,  wo  alte  russisch-englische  Rivalitäten
  bestehen,  namentlich  über  Tibet,  Persien  und  Asfghanistan,  eine
Verständigung  erzielt  wird.  Wir  haben  in  Tibet  und  in  Afghanistan
gar  keine,  in  Persien  nur  wirtschaftliche  Interessen.  Wir  haben  gar
kein  Interesse  daran,  diese  Verhandlungen  zu  stören  oder  das  mutmaßliche
  Ergebnis  derselben  mit  scheelen  Augen  anzusehen.  Sollten  im
Laufe  der  Verhandlungen  deutsche  Rechte  und  wohlerworbene
Interessen  in  Frage  kommen,  so  liegen  von  beiden  Seiten