November  1906.  323

loyale  Erklärungen  vor,  daß  man  diese  Rechte  und  diese
Interessen  achten  wird.

Leider,  meine  Herren,  kann  ich  nicht  hoffen,  mit  dieser  meiner
ruhigen  Auffassung  über  ein  russisch-englisches  Abkommen  allgemeine
Zustimmung  zu  finden.  In  einem  mir  vorgelegten  Artikel  las  ich  erst
vor  kurzem,  wie  falsch  es  sei,  die  Beseitigung  der  Reibungsflächen  in
Zentralasien  nicht  mit  der  größten  Zufriedenheit  zu  verfolgen,  da
Deutschland  ein  Interesse  daran  habe,  daß  Rußland  und  England  nicht
wie  Hund  und  Katze  gegenüberstünden,  und  in  demselben  Artikel,  in
welchem  der  Reichskanzler  aufgefordert  wurde,  diese  Verständigung  mit
allen  Kräften  zu  vereiteln,  wurde  fast  in  demselben  Atemzug  der  deutschen
  Politik  der  Vorwurf  gemacht,  eine  Macht  gegen  die  andere  auszuspielen
  und  dadurch  alle  Mächte  gegen  uns  mißtrauisch  zu  machen.
Auf  der  einen  Seite  also  sollen  wir  gegen  die  Verständigung  zweier
Mächte  in  Zentralasien  intrigieren,  auf  der  anderen  Seite  wird  uns
der  Vorwurf  gemacht,  dem  Auslande  durch  unrnhige  Geschäftigkeit
Anlaß  zur  Verdächtigung  der  deutschen  Politik  zu  geben.  Meine  Herren,
wenn  wir  nach  diesem  Rezept  verführen  und  uns  ohne  genügenden
deutschen  Interessenanteil  in  fremde  Angelegenheiten  einmischen  wollten,
so  würden  wir  allerdings  das  Ubelwollen  verdienen,  was  aus  anderen
Ursachen  vielfach  in  der  Welt  gegen  uns  besteht;  das  gehört  aber  in
das  Kapitel  von  der  Verkennung  der  Grenzen  einer  verständigen  Weltpolitik
  und  der  urteilslosen  Kritik,  auf  das  ich  nachher  noch  zurückkommen
  werde.

Meine  Herren,  unsere  Beziehungen  zu  Japan  sind  von  dem
Herrn  Abgeordneten  Bassermann  nicht  berührt  worden;  ich  möchte  aber
trotzdem  betonen,  daß  ich  diese  Beziehungen  zu  Japan  auch  weiter  sorgsam
  pflegen  werde.  Japan  hat  sich  durch  die  hervorragenden  Leistungen
seiner  brillanten  Armee  und  seiner  tapferen  Flotte  seinen  Platz  unter
den  Großmächten  erobert.  Damit  ist  es  nur  dem  Beispiel  anderer
großen  Völker  gefolgt  und  namentlich  unserem  preußischen  Beispiel.  Auf
dem  Schwert  beruht  in  letzter  Linie  die  Großmachtstellung  eines  Volkes.
Mit  Eroberungsabsichten  und  Vergrößerungsplänen  haben  wir  uns  in
Ostasien  niemals  getragen.  Ich  habe  schon  am  11.  Juli  1900  als
Staatssekretär  des  Auswärtigen  in  meinem  damaligen  Zirkular  an  die
deutschen  Bundesregierungen  gesagt,  daß  wir  keine  Aufteilung  des
chinesischen  Reiches  wünschten  und  in  Ostasien  keine  Sondervorteile  anstrebten.
  Daß  wir  in  Ostasien  nicht  auf  Eroberungen  ausgingen,  haben
wir  in  dem  deutsch-englischen  Notenaustausch  vom  Oktober  1900  aus-21

