November  1906.  327

kirche  als  Lichtbild  vor.  Das  Burschikose  im  Fürsten  Bismarck,  das
Junkerliche  und  Militärische  in  seinem  Wesen  erregte  zunächst  Entrüstung
  —  wir  Deutsche  entrüsten  uns  ja  gern  und  leicht.  Man  muß
das  in  aufrichtig  geschriebenen  Memoiren  jener  Zeit  nachlesen,  wenn
man  es  nicht,  wie  manche  von  uns,  selbst  erlebt  hat.  Nach  den
ungeheuren  Erfolgen  des  Fürsten  Bismarck  ist  der  Professor  etwas  in
Mißkredit  gekommen,  dagegen  denkt  mancher  Deutsche,  ein  leitender
Staatsmann  müsse  nur  recht  forsch  und  burschikos  auftreten,  immer
und  ausschließlich  Kürassierstiefeln  anhaben,  immer  und  nnausgesetzt
kalte  Wasserstrahlen  versenden.
(Heiterkeit.)

Mit  anderen  Worten:  jetzt  wird  Fürst  Bismarck  zum  System  erhoben,
dabei  aber  vergessen,  daß  jede  Zeit  andere  Mittel  erfordert.  Alle,  die
mich  persönlich  kennen,  wissen,  daß  ich  meine  unbegrenzte  Verehrung
  und  Bewundernng  für  den  großen  Kanzler  niemals
und  niemandem  gegenüber  je  verleugnet

(bravo!  rechts),
daß  ich  ihm  auch  nach  seinem  Sturze  die  Treue  bewahrt  habe.
(Bravol  rechts.)

Aber  gerade  deshalb  will  ich  es  offen  aussprechen:  auch  der  größte
Mann  bleibt  ein  Sohn  seiner  Zeit,  und  die  nach  ihm  kommenden
Geschlechter  können  sich  nicht  darauf  beschränken,  seine  Urteile,
seine  Auffassung  oder  nun  gar  seine  Allüren  blind  nachzuahmen
  und  nachzumachen,  sondern  sie  müssen  mit  der  Entwicklung
  der  Dinge  gehen,  die  nie  stille  steht,  die  auch  das  größte
Genie  nicht  vorhersehen,  geschweige  denn  vorzeichnen  kann.

(Sehr  richtig!)
Friedrich  der  Große  war  der  erste  Staatsmann  seiner  Zeit;  wenn  aber
Fürst  Bismarck  darauf  sich  beschränkt  hätte,  friderizianische,  d.  h.  spezifisch
preußische  Politik  zu  treiben,  so  würde  er  die  Einheit  Deutschlands  nicht
begründet  haben.  Das  trat  ja  am  deutlichsten  hervor  bei  der  bekannten
Differenz  zwischen  dem  Fürsten  Bismarck  und  unserem  alten  Kaiser
wegen  der  zu  stellenden  Friedensbedingungen  in  Nikolsburg  1866.  Nicht,
daß  es  von  den  Bahnen  Friedrichs  des  Großen  abwich,  hat  meines
Erachtens  Preußen  vor  100  Jahren  nach  Jena  und  Tilsit  geführt,
sondern  daß  es  in  falschem  Sinne  zu  ängstlich  und  zu  engherzig  an
diesen  Bahnen  kleben  blieb.

(Sehr  richtig!)