328  37.  Internationale  Lage:  Fürst  Bülow,  Alldeutscher  Verband.

Wenn  die  Entwicklung  der  Dinge  es  verlangt,  daß  wir  über  Bismarcksche
Ziele  hinausgehen,  so  müssen  wir  es  tun,  selbst  wenn  Fürst  Bismarck
seinerzeit  unter  scheinbar  ähnlichen  Verhältnissen  anders  geurteilt  hat.
Darum  richte  ich  an  alle,  die  es  angeht,  die  Mahnung,  es  nicht  zu  machen
wie  Lots  Weib,  die,  weil  sie  nur  nach  rückwärts  sah,  zur  Salzsäule  wurde.
(Große  Heiterkeit.)
Die  Nachfolge  eines  großen  Mannes  besteht  nicht  in  der
sklavischen  Nachahmung,  sondern  in  der  Fortbildung,  selbst
wenn  sie  auch  hier  und  da  zu  einem  Gegensatze  führt.  Und
als  praktische  Politiker,  als  Männer,  welche  die  Aufgaben  des  Tages
zu  lösen  haben,  müssen  wir  uns  mit  der  Tatsache  abfinden,  daß  wir
keinen  Fürsten  Bismarck  mehr  haben.
(Sehr  richtig!)
Der  Name  des  Fürsten  Bismarck,  die  Erinnerung  an  das,  was  Fürst
Bismarck  uns  war,  wird  für  alle  Zeiten  als  Feuersäule  herziehen  vor
dem  deutschen  Volke,  wie  ich  das  vor  dem  Denkmale  des  Fürsten
Bismarck  gesagt  habe,  das  da  draußen  steht.2)
(Bravol)
Sein  Name  bleibt  ein  dauernder  Besitz,  eine  Mahnung,  ein  Vorbild,
ein  Wahrzeichen,  ein  Stolz  für  unser  Volk,  eine  Gewähr  der  Zukunst,
ein  Trost  in  sorgenvollen  oder  matten  Tagen.  Aber  die  Nation
muß  die  Kraft  in  sich  finden,  auch  ohne  einen  solchen  Titanen
auszukommen,  wie  ihn  die  Götter  nur  sehr  selten,  alle  hundert
Jahre  einmal,  einem  Volke  schenken;  denn  wenn  der  einzelne
und  auch  der  größte  Genius  sterblich  ist,  so  ist  die  Nation
unsterblich.  Ihr  Dasein  hat  mit  dem  Tode  des  großen  Kanzlers
nicht  geendet.  Und  als  Patrioten  müssen  wir,  jeder  an  seinem  Teile,
darauf  hinwirken,  daß  das  Werk  des  großen  Kanzlers  erhalten  bleibt.
Das  gilt  für  mich  und  alle,  die  auf  nationalem  Boden  stehen.
(Bravol)

Meine  Herren,  es  ist  ja  namentlich  der  Alldeutsche  Verband,
der  mir  die  Kürassierstiefel  und  den  Pallasch  des  Fürsten  Bismarck
vorrückt.  Ich  weiß  wohl,  daß  die  Bestrebungen  des  Alldeutschen  Verbandes
  das  Gute  haben,  daß  sie  das  Nationalgesühl  wach  erhalten
und  dem  Hang  des  deutschen  Philisters  zu  verschwommenem  Kosmopolitismus
  oder  zu  engherziger  Kirchturmpolitik  entgegenarbeiten.  Ich

2)  Vgl.  Bd.  I,  S.  225.