330  37.  Internationale  Lage:  Reichsverdrossenheit.

Wenn  ich  solchem  übertriebenen  Pessimismus  entgegentrete,  so  will  ich
damit  selbstverständlich  nicht  fauler  Ruhe  oder  eitler  Selbstgefälligkeit
oder  blindem  Optimismus  das  Wort  reden,  und  ebensowenig  soll  das
Recht  der  öffentlichen  Kritik  bestritten  werden,  die  zu  allen  Zeiten
nützlich  und  notwendig  ist,  und  die  wir  in  unserer  Zeit  —  das  sage
ich  Ihnen  ganz  offen  —  weniger  als  je  entbehren  können.

(Sehr  richtig!  links.)
Die  Klagen  dürfen  aber  nicht  in  einer  Weise  erhoben  werden,  die  sie
gegenüber  der  wirklichen  Sachlage  im  Lichte  phantastischer  Ubertreibung
erscheinen  läßt

(sehr  richtig!  rechts),
schon  weil  solche  Übertreibung  sich  selbst  straft,  indem  sie  auch  gegen
berechtigte  Kritik  abstumpft.  Die  Kritik  muß  fruchtbar  wirken  können.
Wir  sollen  auch  nicht  Kleinigkeiten  und  Nebensächlichkeiten  aufbauschen,
nicht  das  Kind  mit  dem  Bade  ausschütten,  nicht  so  übertreiben,  wie
das  alte  deutsche  Art  oder  vielmehr  Unart  ist,  nicht  über  Strohhalme
stolpern.  Wie  übertrieben  manche  Klagen  sind,  geht  ja  schon  daraus
hervor  —  mit  Recht  hat  das  der  Abgeordnete  Bassermann  eben  hervorgehoben
  —,  daß,  während  es  in  Deutschland  vielfach  heißt,  wir  kämen
immer  mehr  herunter,  wir  würden  gar  nicht  mehr  respektiert  und  gefürchtet,
im  Auslande  ebenso  fälschlich  behauptet  wird,  daß  unsere  Machtentfaltung
und  unser  tatsächliches  Vorwärtskommen  eine  Gefahr  für  andere  bilde.  Es
wäre  nicht  zu  verwundern,  meine  Herren,  wenn  gegenüber  solcher  Hyperkritik
  den  führenden  Persönlichkeiten  bei  uns  schließlich  zu  Mut  würde
wie  dem  Bauer  in  der  bekannten  Fabel,  der  mit  seinem  Sohne  und
seinem  Esel  zu  Markte  zog.

(Heiterkeit.)
Sie  kennen  die  Fabel!  Erst  ritt  er  selbst  auf  dem  Esel.  Da  hieß  es:
„Ist  das  ein  fauler  Kerl!  Er  selbst  reitet  und  seinen  Jungen  läßt  er
nebenherlaufen!“  Dann  setzte  er  den  Jungen  auf  den  Esel.  Da  hieß
es:  „Der  dumme  Kerl  setzt  sich  der  Sonne  und  dem  Staub  aus  und
seinen  Bengel  läßt  er  reiten!“  Dann  setzten  sich  beide  auf  den  Esel.
Da  beklagt  man  das  arme  Tier  und  will  Vater  und  Sohn  beim  Tierschutzverein
  anzeigen
(Heiterkeit),

bis  endlich,  von  so  viel  Kritik  verwirrt,  der  Bauer  das  Dümmste  tut,
was  er  überhaupt  tun  kann,  nämlich  den  Esel  auf  die  Schulter  nimmt

und  selbst  trägt.
Heiterkeit.)