332  37.  Internationale  Lage:  Pessimismus,  Kritik.

müssen,  nicht  in  der  Frendigkeit  ihrer  Diensterfüllung  beirren  lassen.
Wo  finden  Sie  aber  anderswo  eine  so  exzessive  Kritik  wie  bei  uns?
Glauben  Sie  nicht,  meine  Herren,  daß  auch  anderswo  hier  und  da  mit
Wasser  gekocht  wird,  daß  es  auch  anderswo  Fehler  und  Mißstände
und  Unebenheiten  gibt?
(Sehr  richtig!  rechts.)

Sie  werden  aber  nicht  in  solcher  Vergrößerung  vorgeführt,  sie  werden
nicht  so  unermüdlich  breit  getreten  wie  bei  uns.

(Sehr  richtig!)
Ich  denke  oft  an  das  Wort  von  Treitschke,  der  Deutsche  möge  für  die
inländischen  Verhältnisse  und  Zustände  und  Eimiichtungen  nur  einen
kleinen  Teil  des  wohlwollenden  Verständnisses  zeigen,  das  er  ausländischen
  Vorgängen  und  Institutionen  so  gern  entgegenbringt.

(Sehr  richtig!  rechts.)
Glaubt  denn  irgend  jemand  im  Ernste,  daß  es  im  Auslande  so  viel
besser  ausschaute  als  bei  uns?  In  einem  großen  englischen  Blatt  las
ich  kürzlich:  dem  unkritisch  und  selbstgefällig  angelegten  englischen  Volke
wäre  der  deutsche  Pessimismus  einfach  unverständlich,  nach  englischer
Auffassung  hätte  niemand  weniger  Veranlassung  zum  Pessimismus  als
die  Deutschen,  und  deshalb  figuriere  in  der  englischen  Presse  der  Deutsche
auch  immer  gleichzeitig  als  nachahmungswürdiges  Beispiel  und  als
gefährlicher  Konkurrent.  Und  jedenfalls,  haben  nicht  auch  andere
Völker,  und  gerade  in  unserer  Zeit,  Schwierigkeiten  zu  überwinden
gehabt,  die  härter  waren  als  die  uns  bisher  vom  Schicksal  auferlegten
Proben?  Ist  England  nicht  mit  dem  südafrikanischen  Kriege  fertig  geworden,
  Frankreich  mit  ernsten  inneren  Aufgaben  und  Krisen,  Italien
und  Amerika  mit  ernsten  kolonialen  Problemen?  Hofft  Rußland  nicht,
sich  durch  ein  dichtes  Gestrüpp  von  Schwierigkeiten  seinen  Weg  zu
bahnen?  Wir  haben  gar  keinen  Anlaß,  wehleidiger  zu  sein  als  andere.
Ich  wiederhole:  ich  halte  eine  positive  und  sachliche,  von  wirklicher

Sorge  und  Liebe  zum  Vaterlande  getragene  Kritik  für  sehr  angebracht,
und  gerade  in  unseren  Tagen.  Persönlich  bin  ich  für  Kritik  wirklich
nicht  empfindlich.  Und  das  soll  auch  nicht  sein,  wer  im  öffentlichen
Leben  steht.  Ich  kann  mir  sogar  ein  Dasein  ohne  Kritik  nicht  recht
vorstellen.

(Heiterkeit.)
Ich  weiß  wirklich  nicht,  ob  ich  das  aushalten  würde.

(Heiterkeit.)