November  1906.  335

auf  der  Durchreise  in  Varzin  meldete,  sprach  Fürst  Bismarck  mit  Be—
sorgnis  von  den  Beziehungen  zu  Rußland
(hört!  hört!  links),

die  seit  dem  Berliner  Kongreß  oder  richtiger  gesagt:  seit  der  Krieginsichtepisode
  des  Jahres  1875  nicht  mehr  die  alten  waren.  Er  erwog,  ob
die  Unbequemlichkeit  einer  Option  Deutschlands  zwischen  Osterreich  und
Rußland  für  uns  größer  sei  oder  die  Gefahr  einer  Wiederkehr  der
Konstellation  von  1757,  d.  h.  eines  gemeinsamen  russisch-österreichischen
Vorgehens  gegen  uns.  Von  1878  bis  1889  haben  sich  unsere  Beziehungen
  zu  Rußland  trotz  aller  entgegenarbeitenden  Bemühungen  des
Fürsten  Bismarck,  der  gerade  auf  dem  Gebiete  der  deutsch-russischen
Beziehungen  alle  Hilfsquellen  seines  fruchtbaren  und  erfindungsreichen
politischen  Genius  entwickelte,  und  trotz  seines  oft  sehr  weitgehenden
Entgegenkommens  gegenüber  Rußland  —  ich  war  damals  an  unserer
Botschaft  in  Petersburg,  ich  weiß  es  genau  —  beständig  verschärft  und
verschlechtert.  Auch  England  gegenüber  fehlte  es  in  den  letzten  20  Jahren
nicht  an  Verstimmungen,  die  stellenweise  einen  sehr  gereizten  Charakter
annahmen.  Daß  ein  vom  Fürsten  Bismarck  im  Jahre  1880  unternommener
  Versuch,  eine  Annäherung  an  England  herbeizuführen,  mißglückte,
  und  nicht  durch  seine  Schuld  mißglückte,  hat  eine  englische  Publikation
  der  letzten  Wochen  auch  weiteren  Kreisen  enthüllt.  Und  was
Frankreich  angeht,  so  lag  die  Gefahr  eines  Zusammenstoßes  mit  Frankreich
  1887  doch  noch  näher  als  in  den  letzten  Jahren.  Ich  brauche
nur  an  die  Verstimmungen  und  Spannungen  nach  dem  Berliner  Kongreß,
  an  den  Schnäbelefall,  an  den  Karolinenstreit,  an  die  Samoadifferenz,
  an  die  Pariser  Demonstrationen  gegen  König  Alfons  von
Spanien  im  Jahre  1883  —  ich  war  damals  in  Paris,  die  Situation
war  recht  gespannt  —  zu  erinnern,  um  klar  zu  machen,  daß  es  auch
damals  nicht  an  Ereignissen  fehlte,  die  geeignet  waren,  die  öffentliche
Meinung  zu  erregen  und  ernstliche  Besorgnisse  wachzurufen.

Meine  Herren,  ich  gehe  noch  weiter,  unsere  Situation  würde  heute
eine  gesichertere  und  leichtere  sein,  als  sie  in  den  80er  Jahren  war,
wenn  wir  nicht  inzwischen  die  überseeische  Politik  inanguriert  hätten

(lebhafte  Zurufe;  sehr  richtigl  bei  den  Sozialdemokraten),

nicht,  meine  Herren,  als  ob  ich  geschmacklos  genug  wäre,  mich  mit  dem
Fürsten  Bismarck  zu  vergleichen,  sondern  weil  sich  die  Verhältnisse  in
Europa  inzwischen  verschoben  haben.  Die  Gefahr  eines  russischen  Angriffs
  liegt  nach  menschlicher  Berechnung  heut  weniger  nahe,  ist  weniger