November  1906.  337

mehreren  Gegnern  gegenüber  befinden.  Das  ist  aber  noch  kein  Grund
zum  Verzagen.  Daß  Situationen  denkbar  sind,  wo  wir  nur  auf  unsere
eigene  Kraft  angewiesen  sind,  meine  Herren,  darauf  hat  Fürst  Bismarck,
darauf  hat  der  Feldmarschall  Graf  Moltke  mehr  als  einmal  hingewiesen.
„Ein  starker  Staat  steht  nur  sicher  auf  sich  selbst“",  hat  Graf  Moltke
vor  diesem  Hohen  Hause  im  Jahre  1888  gesagt.  Ein  großes  Volk
muß  auf  jede  Lage  gefaßt  sein,  und  sein  Geist  muß  ein  solcher  sein,
daß  es  jeder  Situation  mutig  und  entschlossen  entgegengehen  kann.

Der  Herr  Abgeordnete  Bassermann  hat  soeben  an  mein  letztes
Auftreten  vor  diesem  Hohen  Hause  erinnert.  Als  ich  am  5.  April  d.  Js.
zum  letzten  Male  vor  diesem  Hohen  Hause  stand,  sagte  ich  mit  Bezug
auf  die  Konferenz  von  Algeeiras,  welche  nach  mancherlei  Fährlichkeiten,
die  sie  dem  Scheitern  nahegebracht  hatten,  zwei  Tage  später  zu  einem
befriedigenden  Abschluß  gelangt  war:  der  Berg  —  so  sagte  ich  ungefähr
  —,  den  wir  zu  ersteigen  hatten,  war  ziemlich  schwer,  manche  lbergänge
  waren  nicht  ohne  Gefahr,  eine  Zeit  der  Mühe  und  der  Ruhe
liegt  hinter  uns,  wir  können  jetzt  mit  mehr  Ruhe  ins  Weite  blicken!

Diese  Hoffuung  hat  sich  erfüllt,  die  Situation  in  Europa  und
in  der  Welt  ist  eine  friedlichere  geworden.  Gewiß  ist  noch  hier
und  da  Unruhe  vorhanden.  Diejenigen,  die  zur  See  gefahren  sind,
wissen,  daß,  wenn  ein  Sturm  die  Gewässer  aufgeregt  hat,  noch  längere
Zeit,  auch  nachdem  sich  die  Oberfläche  geglättet  hat,  unter  der  Oberfläche
  die  Unruhe  fortbesteht  und  das  Schiff  ins  Rollen  und  Schwanken
bringt.  Man  nennt  das  die  Dünung.  In  der  politischen  Welt
zittert  noch  eine  gewisse  Erregung  nach,  die  zu  Vorsicht  und
Umsicht  mahnt,  aber  keinen  Anlaß  zum  Kleinmut  gibt.

Sorgen  wir  dafür,  daß  unsere  Machtmittel  zu  Lande  und  zu
Wasser  für  unsere  Verteidigung  ausreichen!  Vergessen  wir  endlich  über
unseren  inneren,  wirtschaftlichen,  konfessionellen  und  politischen  Streitigkeiten
  nicht  das  Interesse,  die  Wohlfahrt  und  das  Recht  des  Ganzen,
und  das  deutsche  Volk  wird  seine  Stellung  in  der  Welt  zu  behaupten
wissen.

(Lebhafter  Beifall.)

Gegen  den  Schluß  der  Debatte  kam  der  Reichskanzler  noch  einmal  auf  deren
Verlauf  und  auf  die  gegen  seine  Darlegungen  erhobenen  Einwände  zurück.  Er
führte  noch  folgendes  aus:

Reichskanzler  Fürst  von  Bülowm:

Meine  Herren,  der  Herr  Abgeordnete  Wiemer  hat  die  Abwesenheit

  des  Herrn  Staatssekretärs  des  Außeren  moniert.  Ich  habe

Penzler,  Fürst  Bülows  Reden  rc.  II.  22