338  37.  Internationale  Lage:  Deutsche  Diplomatie.

selbst  erst  gestern  nachmittag  erfahren,  daß  die  Interpellation  des  Herrn
Abgeordneten  Bassermann  schon  heute  auf  die  Tagesordnung  gesetzt
werden  würde.  Es  ist  dem  Herrn  Staatssekretär  des  Außeren  beim
besten  Willen  nicht  möglich  gewesen,  vor  heute  nachmittag  aus  München
wieder  einzutreffen.  Es  ist  selbstverständlich,  daß  sich  der  Herr  Staatssekretär
  des  Außeren,  wenn  wieder  auswärtige  Fragen  zur  Diskussion
stehen,  an  der  Debatte  beteiligen  wird.

Gegenüber  dem  Herrn  Abgeordneten  Spahn  moöchte  ich  feststellen,
daß  ich  den  Ausschuß  des  Bundesrats  für  auswärtige  Angelegenheiten
  wiederholt  und  gerade  in  ernsten  und  kritischen  Momenten
einberufen  habe.  Ich  habe  ihn  beispielsweise  einberufen,  als  die  chinesische
  Expedition  im  Sommer  1900  vorbereitet  wurde.  Ich  habe  ihn
auch  einberufen  im  Frühjahr  1905  in  einem  entscheidenden  Augenblick
der  mgrokkanischen  Frage.  Ich  habe  aber  auch  abgesehen  hiervon  immer
Sorge  dafür  getragen,  daß  die  deutschen  Bundesregierungen,  sei  es  durch
vertrauliche  Mitteilungen  der  preußischen  Gesandten  bei  den  Bundesregierungen,
  sei  es  durch  Rücksprache  zwischen  mir  und  den  hiesigen
einzelstaatlichen  Vertretern,  über  den  Gang,  die  Ziele  und  die  einzelnen
Phasen  unserer  auswärtigen  Politik  auf  dem  Laufenden  erhalten  werden.
Ich  bin  mir  wohl  bewußt,  wie  wichtig  es  ist,  daß  unsere  auswärtige
Politik  die  vertrauensvolle  Zustimmung  der  Bundesregierungen  findet.

(Zurufe  von  den  Sozialdemokraten.)

—  Und  auch  die  Zustimmung  des  Volkes,  das  versteht  sich  von  selbst!
Daran  braucht  mich  der  mir  unbekannte  Herr  nicht  zu  erinnern,  der
mich  soeben  unterbrochen  hat.  —

Meine  Herren,  verschiedene  der  Herren  Vorredner  und  auch  der
Herr  Interpellant,  der  Herr  Abgeordnete  Bassermann,  haben  sich  nicht
gerade  in  wohlwollender  Weise  mit  unserer  Diplomatie  beschäftigt.
Ich  halte  es  als  Chef  unseres  diplomatischen  Dienstes  für  meine  Pflicht,
der  Uberzeugung  Ausdruck  zu  geben,  daß  diese  Kritik  nicht  in  allen
Punkten,  aber  doch  sehr  überwiegend,  über  das  Ziel  hinausschießt.  Unsere
diplomatischen  Vertreter  sind  mir  fast  alle  bekannt.  Sie  tun  im  großen
und  ganzen  ihre  Schuldigkeit,  glanben  Sie  mir.  Zu  einem  brauchbaren
Diplomaten  gehören  mancherlei  Eigenschaften.  Er  soll  nicht  nur  Arbeitskraft
  besitzen,  Kenntnisse,  Charakter;  denn  was  einen  guten  Inlandsbeamten
  ausmacht,  das  macht  noch  lange  keinen  brauchbaren  Diplomaten
aus.  Es  kann  auch  einer  auf  einen  Posten  passen,  der  auf  einem  anderen
Posten  umschmeißen  würde.  Ich  höre  manchmal,  unsere  Diplomatie  sei