November  1906.  339

antiquiert,  sie  sei  vieux  jeu,  sie  arbeite  mit  Personen  und  Figuren,  wie
in  Scribeschen  Lustspielen  vorkommen,  die  aber  nicht  in  unsere  Gegenwart
  paßten.  Daß  unsere  Zeit  nicht  mehr  die  Zeit  der  Heiligen  Allianz
und  des  alten  Frankfurter  Bundestages  ist,  das  ist  klar.  Höfische
Interessen  sind  seitdem  in  den  Hintergrund  getreten,  wirtschaftliche  und
finanzielle  Fragen  spielen  eine  viel  größere  Rolle  als  früher;  Presse
und  Parlament  nehmen  eine  ganz  andere  Stellung  ein.  Ein  Diplomat
mit  dem  Gesichtskreise  des  alten  Frankfurter  Bundestages  oder  der
Restaurationsepoche  würde  heute  keine  Seide  spinnen.  Der  Diplomat,
der  nur  über  die  Wadenkrämpfe  irgend  einer  Prinzessin  zu  berichten
wußte
(Heiterkeit),
über  den  sich  Fürst  Bismarck  lustig  machte,  wäre  heute  eine  unmögliche
Figur.  Der  Diplomat,  der  mit  Bank=  und  Handelskreisen  Fühlung
hat,  der  die  Presse  zu  behandeln  versteht,  der  einflußreiche  Parlamentarier
  zu  seinen  Freunden  zählt,  der  wird  einen  großen  Vorsprung  vor
seinen  Kollegen  haben.
(Heiterkeit.)

Was  man  damit  machen  kann,  das  hat  Graf  Witte  in  Portsmonuth
gezeigt.

Aber  darüber  wollen  wir  nicht  vergessen,  daß  die  menschliche  Natur
immer  dieselbe  bleibt,  daß  die  Menschen  im  wesentlichen  sich  nicht  ändern,
und  daß  die  Mittel,  sie  zu  gewinnen  und  den  eigenen  Zwecken  dienstbar
zu  machen,  ungefähr  die  gleichen  sind  wie  früher.  In  einem  berühmten
Kapitel  seiner  „Caractères“  hat  der  Franzose  La  Bruyèere  vor  200
Jahren  ein  Bild  des  Diplomaten  entworfen,  wie  er  sein  soll.  Das
fängt,  wenn  mich  mein  Gedächtnis  nicht  täuscht,  mit  den  Worten  an:
„Der  Ambassadeur  soll  ein  Proteus  sein,  ein  Chamäleon“.

(Heiterkeit.)

Dem  liegt,  wenn  auch  in  pointierter  Form,  die  Ihre  Heiterkeit  erregt,
der  richtige  Gedanke  zugrunde,  daß  der  Diplomat  mit  den  gegebenen
Faktoren  rechnen  und  die  vorhandenen  Umstände  benützen  und
sich  in  sie  finden  soll.

In  dem  politischen  Wettkampf  um  den  Einfluß  in  einem  Ort  und
in  einem  Lande  siegt  nicht  immer  der  moralisch  höher  Stehende,  der
Edlere,  sondern  gewöhnlich  derjenige,  der  die  Verhältnisse  am  besten
zu  benutzen,  der  sich  am  besten  in  die  Verhältnisse  zu  finden  weiß.

(Hört!  hört  links.)

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