340  37.  Internationale  Lage:  Deutsche  Diplomatie.

Es  gibt  auch  eine  diplomatische  Mimikry.  Deshalb  habe  ich
wohl  gelegentlich  jungen  Diplomaten  geraten,  sie  sollten  sich  den  Alcibiades
  zum  Vorbild  nehmen,  der  bei  den  Athenern  in  Geist  machte,
mit  den  Spartanern  schwarze  Suppe  aß  und  bei  den  Persern  lange
Gewänder  trug.  Die  Liederlichkeit  des  Aleibiades  brauchen  sie

ja  nicht  nachzumachen.
(Große  Heiterkeit.)

Solche  Adaptionsfähigkeit  ist  keine  Charakterlosigkeit,  und
die  schließt  einen  starken  und  lebendigen  innerlichen  Patriotismus
  nicht  aus.  Sich  nach  den  Umständen  richten  und  nicht  nach
intransigenten  Prinzipien,  das  ist  noch  lange  kein  Zickzackkurs.  Ein
verstorbenes  geistvolles  Mitglied  dieses  Hohen  Hauses  und  derjenigen
Partei,  welcher  der  Abgeordnete  Wiemer  angehört,  Ludwig  Bamberger,
sagte  mir  einmal,  das  Geheimnis  der  Diplomatie  bestünde  vielleicht  in
einer  gewissen  Inkonsequenz.  Jedenfalls  soll  ein  Diplomat  keine  vorgefaßten
  Meinungen  haben,  keine  festgelegten  und  unabänderlichen
Sympathien  oder  Antipathien  und  keine  Rankünen.  Der  einzige
Regulator  seiner  Gefühle  für  fremde  Länder  muß  der  Nutzen  sein,  den
sie  uns  bringen  können,  oder  der  Schaden,  der  von  ihnen  droht.  Und
endlich  soll  der  deutsche  Diplomat  nicht  belehrend  auftreten.  Das  ist
ja  ein  alter  deutscher  Erbfehler,  das  Belehrenwollen,  der  steckt  auch
noch  zu  sehr  in  unserer  Presse,  die  sich  im  übrigen,  was  Gesinnung
und  Kenntnisse  anbetrifft,  gewiß  neben  der  Presse  anderer  Länder  sehen
lassen  kann.  Ich  weiß  wohl,  dieser  deutsche  Fehler  hängt  ja  mit  vorzüglichen
  deutschen  Eigenschaften  zusammen,  mit  der  Fülle  unserer  Kenntnisse,
  mit  der  Hochachtung,  die  uns  das  Wissen  einflößt,  mit  dem  Mitleid,
  das  wir  mit  Unwissenheit  empfinden.  Aber  beliebt  macht  das
Belehrenwollen  nicht.  Ich  erinnere  mich  aus  meiner  Jugend,  da  gab
es  bei  einer  Botschaft  zwei  deutsche  Botschaftssekretäre;  von  denen  pflegte
der  Fürst  Bismarck  zu  sagen:  der  eine  —  ich  will  ihn  A  nennen

weiß  alles,  und  der  andere  —  ich  will  ihn  B  nennen  —  weiß  es

immer  noch  besser.
(Heiterkeit.)

Die  beiden  waren  nicht  gerade  beliebt.  Wenn  ein  Diplomat  ein  Bindeglied
  sein  soll  zwischen  dem  Lande,  das  er  vertritt,  und  dem  Lande,  bei
dem  er  akkreditiert  ist,  so  muß  er  die  Schulmeisterei  zu  Hause  lassen.
Seien  Sie  im  übrigen  versichert,  meine  Herren,  daß  ich  bei  der
Auswahl  unserer  diplomatischen  Vertreter  mit  großer  Sorgfalt  verfahre,