November  1906.  345

Gut  und  Opfer  an  Blut.  Trotz  der  über  jedes  Lob  erhabenen  Bravour
unserer  Truppen  ist  es  erst  nach  dreijährigen  blutigen  Kämpfen  gelungen,
den  Widerstand  des  Gegners  zu  brechen.  Wenn  auch  der  Hauptwiderstand
des  Feindes  überwunden  ist,  so  dauert  doch  leider  der  Kleinkrieg  noch
fort,  und  es  wird  voraussichtlich  noch  einige  Zeit  vergehen,  bis  wieder
völlige  Ruhe  und  Sicherheit  in  unser  Schutzgebiet  einzieht.  Die  Kriegführung
  auf  so  weite  Entfernung,  unter  schwierigen  und  ungewöhnlichen
Verhältuissen  hat  uns  enorme  Summen  gekostet.  Weitere  große  Summen
werden  erforderlich  sein  für  die  Beendigung  des  Krieges,  für  die  Wiederaufrichtung
  unseres  Schutzgebietes  und  für  seine  weitere  wirtschaftliche
Erschließung.  Das  alles  räume  ich  ein.

Wenn  aber,  meine  Herren,  die  Regierung  heute  vor  die  Nation
treten  und  ihr  vorschlagen  wollte,  es  ähnlich  zu  machen  wie  weiland  der
Franksurter  Bundestag,  der  Hannibal  Fischer  den  Auftrag  erteilte,  die
deutsche  Flotte  unter  den  Hammer  zu  bringen;  wenn  die  Regierung  der
Nation  vorschlagen  wollte,  unsere  Kolonien  zu  veräußern  oder  sich  selbst
zu  überlassen  oder  in  irgend  einer  Form  preiszugeben,  so  würde  eine
tiefe  Entmutigung  gerade  die  besten  Kräfte  erfassen.  Und  mit  Recht.
Auch  in  der  Flotte  sah  man  damals,  vor  54  Jahren,  ein  schlechtes  Geschäft
und  warf  deshalb  die  Flinte  ins  Korn,  in  einem  jener  Momente  moralischer
  Depression,  wie  sie  nicht  nur  den  einzelnen,  sondern  bisweilen
auch  ein  Volk  befallen.  Wenn  aber  beide  —  Individunm  und  Volk  —
wieder  gesunden,  so  schämen  sie  sich  solcher  Schwächeanwandlungen.  Ich
bin  gewiß,  es  wird  sich  kein  deutscher  Reichstag  und  kein  deutscher
Reichskanzler  finden,  welche  die  Verantwortung  dafür  übernehmen,  unsere
Kolonien  aus  dem  Soll  und  Haben  unseres  Volkes  auszustreichen.

(Bravo!  rechts.  Unruhe  bei  den  Sozialdemokraten.)

In  der  Auffassung,  als  brauchten  wir  keine  Kolonien,  zeigt  sich  meines
Erachtens  nicht  nur  ein  unangebrachter  Kleinmut,  sondern  auch  ein
Mangel  an  Einsicht  in  die  treibenden  Kräfte  der  Entwicklung  der
Völker  und  der  Weltgeschichte.

(Sehr  richtig!  rechts.)

Die  Frage  steht  nicht  so:  ob  wir  kolonisieren  wollen  oder
nicht;  sondern  wir  müssen  kolonisieren,  ob  wir  wollen  oder
nicht.  Der  Trieb  zur  Kolonisation,  zur  Ausbreitung  des  eigenen
Volkstums,  ist  in  jedem  Volke  vorhanden,  das  sich  eines  gesunden  Wachstums
  und  kräftiger  Lebensenergie  erfreut.  Darum  war  auch  das  deutsche
Volk  seit  seinem  Eintritt  in  die  Weltgeschichte,  seit  2000  Jahren,  ein