346  38.  Koloniale  Angelegenheiten.

kolonisierendes  Volk,  und  wir  werden  ein  kolonisierendes  Volk  bleiben,
solange  wir  gesundes  Mark  in  den  Knochen  haben.

Die  Formen  der  Kolonisation  wechseln  freilich  und  die  Vorteile,
die  das  Mutterland  aus  seinen  Kolonien  zieht.  In  den  Zeiten  unserer
nationalen  Uneinigkeit  und  Ohnmacht  gingen  die  über  die  Landesgrenzen
hinausdringenden  Kräfte  für  unser  Volkstum  verloren.  Während  damals
andere  Völker  in  der  neuen  Welt  ihre  Kräfte  und  ihren  Unternehmungsgeist
  betätigten  und  große  Kolonialreiche  schufen,  verzehrte  sich  Deutschland
  in  häßlichen  konfessionellen  Streitigkeiten  und  in  törichtem  partikularistischen
  Bruderzwist.  Wir  wurden  zum  Kulturdünger  für  andere,
klügere  Völker.

Eine  Wandlung  zum  Besseren  trat  ein  mit  unserer  in  der  zweiten
Hälfte  des  vorigen  Jahrhunderts  erfolgten  wirtschaftlichen  und  politischen
Wiedererstarkung.  Die  deutsche  Schiffahrt  begann  sich  zu  entwickeln.
Es  entstanden  zahlreiche  deutsche  Unternehmungen  in  übberseeischen
Ländern.  Diese  Unternehungen  konnten  auf  die  Daner  des  Schutzes
durch  unsere  politischen  Machtmittel  nicht  entbehren.  Diesen  Schutz  zu
gewähren  war  für  Deutschland  besonders  schwierig.

Wir  dürfen  nicht  vergessen,  meine  Herren,  wie  sehr  sich  anfänglich
nicht  nur  die  Engländer,  sondern  auch  andere  Völker  uns  gerade  auf
überseeischem  Gebiete  überlegen  glaubten.  Als  das  Ausland  anfing  zu
merken,  wieviel  kanfmännischer  Unternehmungsgeist  und  wirtschaftliche
Energie  im  Deutschen  vorhanden  war,  die  zur  Entfaltung  drängten,
fing  man  an,  unseren  Unternehmungen  Schwierigkeiten  in  den  Weg  zu
legen  und  uns  den  Vorsprung  merken  zu  lassen,  den  politische  Machtmittel
  und  territorialer  Besitz  auch  auf  wirtschaftlichem  Gebiete  gewähren.
Darüber  dursten  wir  uns  nicht  wundern.  Und  doch  war  es  eine  Notwendigkeit
  für  das  deutsche  Volk,  im  kolonialen  Wettbewerb  nicht  allzu
sehr  zurückzubleiben.

Wir  alle  wissen,  meine  Herren,  daß  sich  Fürst  Bismarck  im  ersten
Jahrzehnt  nach  der  Gründung  des  Reichs  allen  kolonialen  Bestrebungen
gegenüber  ablehnend  verhielt.  Die  vorsichtige  Behandlung,  welche  der
große  Kanzler  anfänglich  dem  kolonialen  Problem  angedeihen  ließ,  ist
der  beste  Beweis  dafür,  daß  sein  späteres  aktives  Eingreifen  in  die
kolonialen  Angelegenheiten,  unsere  1884  und  1885  Schlag  auf  Schlag
erfolgten  Erwerbungen  großer  Gebiete  in  Polynesien  und  in  Afrika,
nicht  aus  den  Eingebungen  einer  Augenblickspolitik  hervorgingen,  nicht
aus  phantastischen  Vorstellungen  oder  unangebrachter  Großmannssucht,