348  38.  Koloniale  Angelegenheiten.

unsere  Kolonien  sind.  Es  sind  auch  sonst  Reformen  in  capite  et  in
membris  nötig.

(Sehr  richtig!)

Wir  müssen  uns  vor  allem  die  Frage  vorlegen:  wie  heben  wir  die
wirtschaftliche  Entwicklung  unserer  Kolonien?  wie  fördern  wir  das  In—
teresse  und  das  Verständnis  für  unsere  Kolonien  im  deutschen  Volke?
wie  beteiligen  wir  mehr  als  bisher  unseren  Handel  und  unsere  Industrie,
  unsere  Geschäfts=  und  Bankwelt  an  unseren  überseeischen  Unternehmungen?


Der  Gedanke  lag  nahe,  die  Lösung  dieser  schwerwiegenden
Fragen  einer  Persönlichkeit  zu  übertragen,  die  schon  früher
in  engerer  Fühlung  mit  den  treibenden  wirtschaftlichen  Kräften
in  unserem  Volke  gestanden  hatte.  Bei  der  Wahl  eines  Nachfolgers
  für  den  Prinzen  Hohenlohe,  der  sich  seiner  Aufgabe  mit  einem
Fleiß  und  einer  Hingebung  unterzogen  hat,  die  ich  auch  von  dieser
Stelle  rühmend  hervorheben  möchte,  habe  ich  in  erster  Linie  nach  den
wirtschaftlichen  und  kaufmännischen  Eigenschaften  gesucht,  die  bisher  in
unserer  Kolonialabteilung  sehr  zu  ihrem  Schaden  gefehlt  hatten.

Meine  Herren,  unser  Kaufmannsstand  hat  sich  eine  große  Stellung
gemacht,  aus  eigener  Kraft.  Er  hat  zur  Hebung  des  deutschen  wirtschaftlichen
  Wohlstandes  und  wirtschaftlichen  Einflusses  und  damit  des
deutschen  Ansehens  in  der  Welt  erheblich  beigetragen.  Er  zählt  in
seinen  Reihen  sehr  tüchtige  Leute,  ausgezeichnete  Kräfte.  Die  Mitwirkung
  eines  dieser  Herren,  eines  unserer  capitains  ok  industry,  wie  man
sie  in  Amerika  nennt,  für  die  Geschäfte  des  Reiches  zu  gewinnen,  erschien
  mir  von  vornherein  als  vorteilhaft.  In  den  Unterredungen,  die
ich  mit  Herrn  Dernburg  über  unsere  kolonialen  Angelegenheiten  hatte,
ergab  sich  Ubereinstimmung  der  leitenden  Gesichtspunkte  und  Ziele.  Ich
konnte  deshalb  Herrn  Dernburg  mit  gutem  Gewissen  Seiner  Mojestät
dem  Kaiser  als  Nachfolger  des  Prinzen  Hohenlohe  in  Vorschlag  bringen.
Mit  dieser  Ernennung,  meine  Herren,  ist  übrigens  für  mich  ein  alter
Wunsch  in  Erfüllung  gegangen.  Schon  als  ich  Staatssekretär  des
Außern  wurde,  vor  neun  Jahren,  und  der  damalige  Kolonialdirektor,
  der  seitdem  leider  verstorbene  Freiherr  von  Richthofen,  mir
als  Unterstaatssekretär  zur  Seite  trat,  hätte  ich  gern  einen  Mann
des  praktischen  Erwerbslebens  an  die  Spitze  unserer  Kolonialverwaltung
  gestellt.  Die  Verhandlungen,  die  damals  Baron
von  Richthofen  in  meinem  Auftrage  in  Hamburg  und  in  Bremen