November  1906.  351

Missionen,  außer  der  umfangreichen  Lektüre  von  Berichten,  außer  zahlreichen
  Rücksprachen  und  Vorträgen,  außer  der  Verantwortlichkeit  für
die  äußere  Politik  und  den  ganzen  Gang  der  inneren  Reichs-  und
preußischen  Politik  auch  noch  sorgen  soll  für  Stiefel  und  Sättel,  die
nicht  drücken,  und  für  Mäntel,  die  den  Regen  nicht  durchlassen,  das  ist

zuviel  verlangt.
Geifall  rechts.  Unruhe  links.)

Ich  lehne  es  ab,  in  dieser  Beziehung  für  die  Details  aller  Ressorts
verantwortlich  gemacht  zu  werden.  Ich  kann  nicht  in  alle  Löcher  hinein—
kriechen  und  alle  Winkel  durchstöbern,  um  zu  sehen,  ob  auch  etwas  Un—
rechtes  vorkommt.  Meine  Pflicht  ist,  einzuschreiten,  wenn  eine  Unregelmäßigkeit
  zu  meiner  Kenntnis  kommt.  Diese  Pflicht  habe  ich  erfüllt
und  werde  sie  weiter  erfüllen.

(Bravok  rechts.)

Und  nun,  meine  Herren,  will  ich  noch  eins  sagen.  Seit  Monaten
hat  ein  Teil  unserer  Presse  seine  Aufgabe  darin  gesehen,  sich
bis  zur  Erschöpfung  mit  den  Kolonialangelegenheiten  und
insbesondere  mit  den  sogenannten  Kolonialskandalen  zu  beschäftigen.
  Man  hat  sich  nicht  darauf  beschränkt,  wahre  Tatsachen
wiederzugeben,  man  hat  sich  ungeheuerlicher  Ubertreibungen,  Verallgemeinerungen
  und  Entstellungen  schuldig  gemacht.

(Sehr  richtig!  rechts.)

Ich  habe  schon  neulich,  heute  gerade  vor  14  Tagen,  darauf  hingewiesen,
wie  sehr  bei  uns  die  Unsitte  eingerissen  ist,  heimische  Mißstände  durch
ein  Vergrößerungsglas  zu  betrachten  und  deutsche  Vorgänge  in  der  Verzerrung
  vorzuführen.?)  Bei  den  Vorgängen  auf  kolonialem  Gebiet  erreichte
  diese  Manie,  die  nur  bei  uns  grassiert,  sonst  nirgendwo  in  der
Welt,  ihren  Höhepunkt.  Jeder  einzelne  Fall  wurde  als  typisch  behandelt
und  als  Symptom  für  eine  angebliche  Verseuchung  unseres  Beamtenstandes
  breitgetreten  usque  ad  taedium.  Im  Ausland  hat  man  sich
beeilt,  solche  Ubertreibungen  und  Verallgemeinerungen  mit  Behagen  aufzunehmen
  und  mit  Vergnügen  weiter  zu  verbreiten.  Schadenfreude  soll
ja  die  reinste  Freude  sein  und  wenn  der  Kredit  eines  Konkurrenten
geschädigt  wird,  so  vergießt  der  Mensch  darob  nicht  gerade  Tränen.
Mir  sind  Briefe  zugegangen  von  Deutschen  im  Auslande,  es  sei  uner-2)

  Vgl.  die  Rede  vom  14.  November,  oben  S.  330.