354  39.  Fürst  Bülows  Eintreten  für  den  Kolonialdirektor.

ersten  und  zweiten  Nachtrags  zum  Etat  der  Schutzgebiete  für  1906.  In  der
Sitzung  des  vorangehenden  Tages  war  es  zu  einer  erregten  Auseinandersetzung
zwischen  dem  stellvertretenden  Kolonialdirektor  Dernburg  und  dem  Abgeordneten
Roeren  (Ztr.)  gekommen.  Dieser  stand  in  nahen  Beziehungen  zu  einem  der
ungetreuen  Beamten  der  Kolonialverwaltung  und  hatte  sich  trotzdem  zu  einem
Vorstoß  im  Reichstag  verleiten  lassen,  der  nach  den  an  amtlichen  Stellen,  jedoch  noch
nicht  in  der  Offentlichkeit  bekannten  Vorgängen,  die  sich  zur  Zeit  des  Kolonialdirektors
  Stübel  abgespielt  hatten,  nicht  ohne  scharfe  Abwehr  bleiben  durfte.
In  vollem  Einverständnis  mit  dem  Reichskanzler  legte  daher  am  3.  Dezember  der
stellvertretende  Kolonialdirektor  die  kompromittierenden  Zusammenhänge  zwischen
dem  Abgeordneten  Roeren  und  der  Enthüllungskampagne  dar.  Um  jeden  Zweifel
daran  zu  beseitigen,  ob  das  Vorgehen  des  Kolonialdirektors  seine  Zustimmung
habe,  erschien  der  Reichskanzler  am  folgenden  Tage  im  Reichstage  und  gab  unter
stärkster  Spannung  des  Hauses  die  folgenden  Erklärungen  ab.

Reichskanzler  Fürst  von  Bülow:

Meine  Herren,  ich  habe  den  letzten  Verhandlungen  dieses  Hohen
Hauses  nicht  beiwohnen  können.  Ich  bin  in  diesen  Tagen  durch  Sitzungen
des  Staatsministeriums  und  anderweite  dringende  Amtsgeschäfte  in  Anspruch
  genommen.  Aus  den  Morgenzeitungen  habe  ich  ersehen,  daß  es
gestern  zu  scharfen  Auseinandersetzungen  zwischen  dem  stellvertretenden
Herrn  Kolonialdirektor  und  einigen  Mitgliedern  dieses  Hohen  Hauses
gekommen  ist.  Es  ist  meine  Absicht,  keinen  Zweifel  darüber  zu
lassen,  daß  ich  die  Haltung  des  stellvertretenden  Herrn
Kolonialdirektors  und  insbesondere  seine  Verteidigung  grundlos
  angegriffener  Beamter  und  seine  Abwehr  ungerechtfertigter
  Pression  durchaus  und  nachdrücklich  billige.

(Lebhaftes  Bravo  rechts  und  bei  den
Nationalliberalen.)

Ich  habe  schon  vor  dem  Eintritt  des  gegenwärtigen  stellvertretenden
Herrn  Kolonialdirektors  im  Laufe  dieses  Sommers  strenge  Weisung
gegeben,  daß  die  Untersuchung  der  in  der  Kolonialverwaltung  vorgekommenen
  Mißstände  nach  allen  Seiten  hin  unnachsichtlich  und  unparteiisch
  geführt,  und  daß  unter  keinem  Vorwande  irgend  etwas  in
irgend  einer  Richtung  vertuscht  werden  solle.

(Bravol  rechts.)
Die  Offenheit,  mit  welcher  der  stellvertretende  Herr  Kolonialdirektor  sich
über  diese  Vorgänge  ausgesprochen  hat,  war  lediglich  eine  Konsequenz
der  von  mir  erteilten  generellen  Instruktion.  Er  war  auch  von  mir
ermächtigt,  volle  Aufklärung  zu  geben  über  den  Fall  Wistuba  und  über