356  12.  Auflösung  des  Reichstags.

nun  aber  auch,  meine  Herren,  unsere  Kolonien  einer  besseren  Zukunft
entgegenzuführen  und  sie  endlich  fruchtbringend  zu  gestalten  für  das

deutsche  Volk.
(Lebhaftes  Bravo.)

12.  Auflösung  des  Reichstage.
Sitzung  des  Reichstages  vom  13.  Dezember  1906.1)

Auf  der  Tagesorduung  stand  die  zweite  Beratung  der  Nachträge  zum  Reichshaushaltsetat
  für  das  Rechnungsjahr  1906  und  zum  Hanshaltsetat  für  die
Schutzgebiete  auf  das  Rechnungsjahr  1906.

Die  Regierungsvorlage  forderte  29200000  M.  als  Restausgabe  im  laufenden
Rechnungsjahr  für  die  in  Südwestafrika  stehenden  Truppen.  Das  Zentrum  beantragte,
  nur  20288  000  M.  zu  bewilligen,  und  wollte  außerdem,  daß  spätestens  bis
zum  31.  März  1907  die  Vorbereitungen  dazu  getroffen  würden,  die  Gesamtstärke  der
in  Südwestafrika  zu  belassenden  Truppen  auf  2500  herabzumindern.  Ein  freisinniger
Vermittlungsantrag  wollte  in  das  Dispositiv  der  Ausgabe  die  Bestimmung  einfügen,
  daß  eine  weitere  erhebliche  Verminderung  der  Gesamtstärke  der  Truppen
über  die  im  Gange  befindlichen  Heimbeförderungen  hinaus  „entsprechend  der
fortschreitenden  Beruhigung  des  Schutzgebiets“  vorbereitet  werden  sollte.  Die
Budgetkommission  hatte  die  Regierungsvorlage  und  alle  Anträge  abgelehnt.  Das
Plenum  stand  also  bei  der  zweiten  Beratung  vor  einem  Vakuum.  Die  in  der
Kommission  gestellten  Anträge  waren  im  Plenum  wieder  eingebracht  worden.  Die
Gefahr  wurde  nunmehr  drohend,  daß  sich  gegen  die  Regierungsvorlage  eine
Mehrheit  ergeben  würde.  In  dieser  Situation  ergriff  der  Reichskanzler  beim
Beginn  der  Debatte  das  Wort.

Reichskanzler  Fürst  von  Bülow:

Meine  Herren,  die  Ihrer  Beschlußfassung  heute  unterbreitete  Vorlage
  der  Verbündeten  Regierungen  ist  vor  ihrer  Einbringung  der  Gegenstand
  sorgsamer  Prüfung  aller  beteiligten  Stellen  gewesen.  Sie  geht
davon  aus,  nur  das  Unerläßliche  zu  fordern.  Es  wird  nur  diejenige
Truppenstärke  gefordert,  die  für  die  Niederwerfung  des  Aufstandes  und
die  Beruhigung  unserer  Kolonie  unerläßlich  ist.  Wir  werden  die  Truppe
in  Südwestafrika  bis  zum  April  künftigen  Jahres  auf  rund  8000  Mann
vermindern,  je  nach  Fortschritt  der  Operationen  und  Verbesserung  der
Etappen  im  Laufe  des  nächsten  Etatsjahres  weitere  Ermäßigungen  eintreten
  lassen  und  nach  Beendigung  der  Operationen  nur  die  notwendigsten
Besatzungstruppen  zurückbehalten.

——.  —

1)  Sten.  Ber.  d.  R.-T.,  11.  Leg.-Per.,  II.  Session  1905/06,  1.10.  Sitzung.