Auhang.  377

Ruhmestitel  unseres  deutschen  Kaisertums,  daß  es  unter  allen  staatlichen
Machtgebilden  zuerst  und  aus  freiem  Antrieb  die  Initiative  zur  Ein—
führung  gesetzlicher  Schutzmaßregeln  für  Arbeiter  ergriffen  und  eine
Reihe  von  Fürsorgeeinrichtungen  ins  Leben  gerufen  hat,  die  in  anderen
Kulturländern  noch  nicht  verwirklicht  sind.

Die  letzten  20  Jahre  haben  bei  uns  den  arbeitenden  Klassen
gegen  früher  wesentliche  Verbesserungen  ihrer  wirtschaftlichen  Lage
gebracht  und  an  dem  Ausbau  der  grundlegenden  Gesetzgebung  wird
stetig  fortgearbeitet.  Wenn  irgend  jemand  dem  werktätigen  Deutschen
die  Erreichung  einer  Lebenshaltung  wünscht,  die  ihn  zum  bestgestellten
Arbeiter  der  Welt  machen  würde,  so  ist  es  unser  Kaiser.  Das  können
Sie  mir  glauben.  Was  nun  die  amtliche  Behandlung  Ihrer  Resolutionen
  betrifft,  so  brauche  ich  Ihnen,  meine  Herren,  die  sie  politisch  geschulte
  Männer  sind,  nicht  auseinanderzusetzen,  daß  ich  als  erster  Beamter
  eines  so  föderativen  Staatswesens  wie  das  Deutsche  Reich  keine
bindenden  Zusicherungen  für  künftige  Arbeiten  der  Gesetzgebung  aussprechen
  kann,  um  alle  Ihre  Wünsche  zu  erfüllen.

Wohl  aber  will  ich  Ihnen  versichern,  daß  ich  die  Bestrebungen
verstehe  und  würdige,  die  Gleichberechtigung  der  Arbeiter  auf  dem  Boden
der  Selbsthilfe  und  in  staatlich  geordneter  Interessenvertretung  noch
mehr  zur  Geltung  zu  bringen,  und  daß  ich  daher  für  eine  ernste  sachliche
  Prüfung  Ihrer  Frankfurter  Resolutionen  Sorge  tragen  werde.
Mögen  Sie  auch  aus  der  Vergangenheit  der  staatlichen  Arbeiterfürsorge
in  Deutschland  das  Vertrauen  für  die  Zukunft  schöpfen,  daß  sich  die
Verbündeten  Regierungen  ihrer  sittlichen  Aufgaben  gegenüber  den  Arbeitern
  vollkommen  bewußt  und  entschlossen  sind,  sie  gewissenhaft  zu  erfüllen.
  Die  Hoffnung,  daß  Sie,  meine  Herren,  dieses  Vertrauen  mit
sich  fortnehmen,  macht  mir  unser  Zusammentreffen  wertvoll  und  ich
danke  Ihnen  nochmals,  daß  Sie  mich  aufgesucht  haben.

X.  Deutsches  Reich  und  Amerika.

Der  „Montreal  Daily  Herald“  brachte  am  17.  Dezember  1903  einen  Bericht
über  eine  Unterredung,  die  einer  seiner  Mitarbeiter  mit  dem  deutschen  Reichskanzler
  über  die  dentsche  Politik  gegenüber  Amerika  gehabt  hatte.  Anlaß  dazu
war  ein  Artikel  des  „New  York  Herald“  gewesen  mit  der  Behauptung,  daß  die
kolumbische  Regierung  in  der  Frage  des  Nicaraguakanals  von  Deutschland
zum  Widerstande  gegen  die  Vereinigten  Staaten  aufgehetzt  worden  sei.