Auhang.  385

Ehren  hält.  Mir  selbst  ist  ein  näheres  Verhältnis  zur  Musik  immer
versagt  geblieben.  Aber  auch  als  Laie  darf  ich  mir  ein  Gefühl  dafür
zuschreiben,  daß  die  Eigenart  vieler  Beethovenscher  Schöpfungen  neben
ihrem  ewig  menschlichen  Gehalt  einen  tiefnationalen  Zug  einschließt.
Wie  mein  britischer  Kollege  bei  dem  schönen  Lob,  das  er  jüngst  unserer
Musik  gewidmet  hat  (Mr.  Balfour  bei  der  Joachim-Feier  in  London),
gewiß  nicht  zuletzt  auf  die  Werke  des  Mannes  hindeuten  wollte,  in
dessen  hehrer  Kunst  Bismarck  und  Moltke  Erhebung  gefunden  haben,
so  wird  jeder  Deutsche,  auch  wenn  er  nie  eine  Taste  angerührt,  im
Tempel  unseres  nationalen  Ruhmes  Beethoven  mit  williger  Verehrung
begrüßen.

In  diesem  Sinne  bitte  ich  den  Vorstand  des  Vereins  Beethoven—
haus  zu  Bonn,  meiner  sympathischen  Teilnahme  an  seinen  Bestrebungen
versichert  zu  sein.

(gez.)  Graf  von  Bülow.

XV.  Semmeringfeste.

Der  Landesverband  für  Fremdenverkehr  in  Niederösterreich  hatte  den  deutschen
  Reichskanzler  zur  Feier  des  fünfzigjährigen  Gedenktages  der  Eröffnung  der
Eisenbahn  von  Wien  nach  dem  Semmering  eingeladen.  Der  Reichskanzler  lehnte
sein  Erscheinen  mit  folgendem  Daukschreiben  ab:

Den  Landesverband  für  Fremdenverkehr  in  Niederösterreich  bitte
ich,  für  die  freundliche  Einladung  zu  den  Semmeringfesten  meinen  verbindlichen
  Dank  entgegenzunehmen.  Ich  wünsche  der  Feier  zum  Gedächtnis
  des  Tages,  au  dem  vor  fünfzig  Jahren  die  Eisenbahnverbindung
zwischen  der  Kaiserstadt  an  der  Donau  und  einer  der  schönsten  Jochhöhen
  in  den  deutschen  Alpen  eröffnet  wurde,  das  beste  Gelingen  und
bitte,  mich  im  Geist  als  anwesend  zu  betrachten,  wenn  ich  zu  meinem
Bedauern  durch  Amtsgeschäfte  verhindert  bin,  der  liebenswürdigen  Aufforderung
  Folge  zu  leisten.

Fünfmal  habe  ich  mit  meiner  Frau  wochenlang  auf  dem  Semmering
  geweilt,  alle  Wege  und  Stege  in  seinem  Gebiet  durchstreift  und
immer  gern  von  dem  Gipfel  des  Sonnenwendsteins  den  weiten  Rundblick
  in  die  Bergwelt  und  bis  zu  den  Türmen  Wiens  genossen.  Ich

Penzler,  Fürst  Bülows  Reden  2c.  II.  25