Anhang.  423

XXXVI.  „Temps“  (Interview).

An  demselben  Tage,  an  dem  der  Redakteur  des  „Petit  Parisien“  vom  deutschen
Reichskanzler  empfangen  wurde,  wurde  auch  der  Besuch  eines  Mitarbeiters  des
„Temps“  in  Baden-Baden  angenommen.  über  dessen  Unterredung  mit  dem
Fürsten  Bülow  erstattete  das  Pariser  Blatt  folgenden  Bericht:

Ich  betrachte  das  eben  getroffene  Abkommen  als  ein  erfreuliches
Ereignis  im  Leben  der  beiden  Völker,  denn  es  macht  einer  Periode  des
Mißtrauens  ein  Ende,  die  ich  immer  für  bedauerlich  gehalten  habe.
Ich  war  glücklich,  festzustellen,  daß  die  Anschauungen  des  Herrn  Rouvier
bezüglich  der  zu  beobachtenden  Grundsätze  in  Ubereinstimmung  mit  den
meinigen  standen.  Ich  hoffe,  daß  derselbe  Einklang  sich  auch  auf  der
Konferenz  kundgeben  wird.  Ich  bin  der  Ansicht,  daß  diese  Konferenz,
weit  entfernt  davon,  uns  zu  entzweien,  dazu  beitragen  soll,  uns  zu
nähern.  Für  diese  Annäherung  ist  allerdings  eine  Bedingung  notwendig,
man  muß  sich  im  französischen  Publikum  darüber  klar  werden,  daß  jene
Politik,  die  Deutschland  zu  isolieren  trachtete,  der  Vergangenheit  angehört,
  daß  diese  Bahn  heute  für  immer  aufgegeben  ist.  Ich  hege  die
Zuversicht,  daß  dem  so  sein  wird,  und  deshalb  habe  ich  mit  dem  soeben
unterzeichneten  Abkommen  einen  großen  Beweis  unseres  versöhnlichen
Geistes  gegeben.  Ich  habe  nur  den  einen  Wunsch,  daß  die  französische
Politik  auf  und  nach  der  Konferenz  mir  gestattet,  diese  Politik  des
guten  Einvernehmens  fortzusetzen,  wie  sie  allein  zweier  großer  Nachbarvölker
  würdig  ist,  die  beide  wesentliche  Faktoren  der  Zivilisation  sind.

Auf  die  Bemerkung  des  Redakteurs  des  „Temps“,  daß  in  Frankreich
die  Kundgebungen  zur  deutschen  Politik,  insbesondere  die  Schritte  des
Grafen  Tattenbach  Mißtrauen  hervorgerufen  haben,  entgegnete  Fürst
Bülow:  Daß  man  diesen  Eindruck  empfangen  hat,  ist  auch  mir  bekannt;
ich  bedauere  dies,  aber  ich  gebe  Ihnen  mein  Wort  als  Ehrenmann,  daß
auf  unserer  Seite  niemals  der  geringste  Hintergedanke  vorhanden  war.
Ich  wiederhole  das  lediglich,  um  den  bedauerlichen  Mißverständnissen
ein  Ende  zu  machen.  Ubrigens  haben  wir  dies  bei  den  beendeten  Verhandlungen
  bewiesen.

Auf  die  Außerung  des  Interviewers,  in  Frankreich  herrsche  die
Besorgnis,  daß  Deutschland  entgegen  der  Bismarckschen  Tradition  nunmehr
  die  koloniale  Ausdehnung  Frankreichs  behindern,  daß  man  in
Berlin  Frankreich  in  eine  antienglische  Politik  hineinziehen  und  dazu
vermittelst  einer  deutsch-russischen  Annäherung  zwingen  wolle,  erwiderte