424  Anhaug.

der  Reichskanzler:  Alle  diese  Bennruhigungen  sind  unbegründet.  Ja,
es  ist  wahr,  daß  Fürst  Bismarck  häufig  die  Berechtigung  der  französischen
  Kolonialpolitik  anerkannt  hat,  und  ich  selbst  habe  eines  Tages  im
Reichstage  erklärt,  daß  es  weder  in  Afrika  noch  in  Asien  einen  Punkt
gebe,  wo  unsere  Interessen  aufeinanderstoßen,  aber  diese  Kolonialpolitik
darf  nicht  wie  in  der  Marokkosache  die  Gelegenheit  zu  einem  üblen  Vorgehen
  gegen  Deutschland  bilden.  Vorausgesetzt,  daß  die  französische
Kolonialpolitik  unsere  wachsenden  Handelsinteressen  und  unsere  Würde,
die  wir  noch  höher  stellen,  respektiert,  werden  wir  Frankreich  nicht  bloß
nicht  behindern,  sondern  nötigenfalls  in  Marokko  und  anderwärts  unterstützen.


Was  den  zweiten  Grund  des  Mißtrauens  anlangt,  so  weiß  ich,
daß  es  Leute  gibt,  die  einen  Krieg  zwischen  England  und  Deutschland
als  etwas  Notwendiges  prophezeien.  Ich  sage,  daß  es  eine  Albernheit
ist,  diesen  Krieg  als  unvermeidlich  anzukündigen.  Deutschland  und  England
  würden  einander  zu  viel  Unheil  antun.  Sie  werden  diesen  Versuch
  nicht  machen.  Und  wenn  ich  auch  die  Heftigkeit  dieser  Zeitungspolemiken
  und  die  Nervosität  des  Publikums  nicht  verkenne,  so  behaupte
ich  doch,  daß  die  Regierungen  in  London  wie  in  Berlin  sich  zu  sehr
ihrer  Verantwortlichkeit  bewußt  sind,  als  daß  sie  sich  durch  derartige
Heftigkeit  beeinflussen  ließen.  Frankreich  kann  da  übrigens  eine  nützliche
Rolle  spielen,  indem  es  die  Gemüter  beruhigt  anstatt  aufzustacheln.  Die
internationale  Solidarität  ist  zu  tiefgreifend,  als  daß  man  sich  schmeicheln
könnte,  der  tertius  gandens  zu  sein.  Wenn  zwischen  England  und
Deutschland  Voreingenommenheiten  vorhanden  sind,  so  werden  diese
früher  oder  später  schwinden.  Frankreich  kann  mithelfen,  sie  zu  zerstreuen.
  Sein  Beispiel  zeigt,  daß  es  immer  möglich  ist,  sich  mit  England
  zu  versöhnen.  Was  Rußland  anlangt,  so  stehen  wir  zu  Ihrem
Verbündeten  in  den  denkbar  besten  Beziehungen.  Das  ist  eine  natürliche
  traditionelle  Situation.  Warum  sollten  Sie  daran  Anstoß  nehmen?
Haben  wir  jemals  am  französisch-russischen  Bündnis  Anstoß  genommen?
Hatte  dieses  Bündnis  uns  gegenüber  jemals  den  aggressiven  Charakter,
den  man,  ich  weiß  nicht,  warum,  gewissen  Annäherungen  zugeschrieben
hat,  die,  ohne  den  Wert  eines  Bündnisses  zu  besitzen,  viel  beunruhigender
schienen?  Ein  doppeltes  System  von  Allianzen,  die  beide  friedlich  sind,
sichert  das  Gleichgewicht  Europas.  Diesen  Allianzen  könnten  und  sollten
sich  Freundschaften  beigesellen.  Sie  stehen  mit  Italien  gut;  nichts  kann
besser  sein.  Wir  stehen  mit  Rußland  gut.  Vortrefflich!  Man  darf
nur  der  französisch-italienischen  Annäherung  keinen  antideutschen  und