Anhang.  431

seitdem,  seit  fast  einem  Menschenalter,  der  Träger  der  Beziehungen
Bayerns  zu  Preußen  gewesen.  Ich  glaube,  es  gibt  kaum  einen  Posten,
der  für  den  Zusammenhalt  und  das  Zusammenwachsen  des  Deutschen
Reiches  so  wichtig  wäre,  wie  die  Stellung  als  Vertreter  des  zweitgrößten
Bundesstaates  in  Berlin.  Wir  alle  erinnern  uns,  wie  sorgsam  auf  die
Festigung  des  Verhältnisses  zwischen  den  Reichsgliedern  durch  Pflege
der  persönlichen  Beziehungen  ihrer  amtlichen  Vertreter  der  große  Staatsmann
  bedacht  gewesen  ist,  dessen  Genius  über  unserer  nationalen  Einigung
  gewaltet  hat.  Wir  alle  wissen,  wie  sehr  dem  Fürsten  Bismarck
namentlich  die  fortschreitende  vertrauensvolle  Annäherung  zwischen  Nord
und  Süd  am  Herzen  lag.  Noch  in  seiner  letzten  Gabe  an  die  Nation,
in  seinen  „Gedanken  und  Erinnerungen“,  finden  sich  Zeugnisse  für  diesen
bundesfreundlichen  Grundzug  seiner  inneren  Reichspolitik,  vor  allem  im
Verkehr  zwischen  Preußen  und  Bayern.

In  unserem  Jubilar  haben  Fürst  Bismarck  und  seine  Nachfolger
für  die  Erweiterung  und  Vertiefung  des  politischen  Einklangs  zwischen
Berlin  und  München  einen  hochgeschätzten  Mitarbeiter  gefunden,  und
ich,  der  ich  das  Festhalten  an  den  föderativen  Wurzeln  unseres  nationalstaatlichen
  Lebens  als  ein  ernstes  Vermächtnis  des  großen  Kanzlers
betrachte,  bin  gewiß,  auch  in  seinem  Sinne  zu  sprechen,  wenn  ich  an
dem  heutigen  Ehrentage  eines  bayerischen  Diplomaten  in  Preußen  das
langjährige,  verdienstvolle  Wirken  Seiner  Exzellenz  des  Herrn  Grafen
von  Lerchenfeld  dankbar  anerkenne.  Die  hohe  Auszeichnung,  welche
Seine  Majestät  der  Kaiser  dem  Grafen  Lerchenfeld  vor  zwei  Tagen  in
Nürnberg  verliehen  hat,  war  eine  wohlverdiente.  Unter  den  süddeutschen
  Staatsmännern,  die  berufen  waren,  nach  der  Reichsgründung  an
unserm  inneren  organischen  Erstarken  mit  ihren  norddeutschen  Kollegen
zusammenzuarbeiten,  wird  der  Name  Lerchenfeld  nicht  vergessen  werden.

Der  Reichskanzler  würdigte  hierauf  die  persönlichen  Eigenschaften
des  Grafen  Lerchenfeld,  denen  seine  durch  die  große  Anteilnahme  an
der  heutigen  Feier  bezeugte  Beliebtheit  in  der  Berliner  Gesellschaft  zu
verdanken  sei,  und  schloß  mit  einem  Hoch  auf  den  Jubilar,  seinen  hochverehrten
  lieben  Freund,  dem  er  eine  lange  ehrenreiche  Fortsetzung  seiner
Laufbahn  wünsche.

Graf  Lerchenfeld  erwiderte  sodann:

„Gestatten  Sie,  daß  ich  auf  die  freundlichen  Worte  antworte,  die  Sie  im
Namen  des  ganzen  Kreises  an  mich  gerichtet  haben.  Sie  haben  so  viel  Gutes
über  mein  Wirken  gesagt,  daß  ich  eigentlich  beschämt  bin  und  nicht  anders  antworten
  kann,  als  heute  früh;  aber  es  ist  das  Recht  des  Jubilars,  sich  zu  wieder-