Auhang.  451

LII.  Der  Silvesterbrief.

Der  Reichskanzler  Fürst  von  Bülow  hat  an  den  Vorstand  des  Reichsverbandes
gegen  die  Sozialdemokratie  zu  Händen  des  Generallentnants  von  Liebert  nachfolgendes
  Schreiben  gerichtet:

Berlin,  Silvester  1906.

In  dem  Schreiben  des  Reichsverbandes  zur  Bekämpfung  der  Sozialdemokratie
  vom  18.  Dezember  d.  J.  ist  mir  nahegelegt  worden,  vor  der
Reichstagswahl  noch  eine  aufklärende  Kundgebung  zu  erlassen.  Ich
komme  dieser  Anregung  gerne  nach  und  bitte,  für  die  öffentliche  Verbreitung
  dieser  Antwort  Sorge  zu  tragen.

Die  parlamentarische  Lage,  die  ich  bei  meinem  Amtsantritt  vorfand,
war  nicht  wesentlich  verschieden  von  der  im  letzten  Reichstage:  die
bürgerliche  Linke  in  drei,  vier  Gruppen  gespalten;  die  Rechte  einiger
zwar,  aber  an  Zahl  ebenso  schwach,  wie  die  Liberalen  zusammen;  in
der  Mitte  die  stärkste  Partei,  das  Zentrum,  schon  damals  nahezu  imstande,
  entweder  nebst  Polen,  Welfen  usw.  mit  den  Sozialdemokraten
oder  mit  den  Konservativen  und  dem  rechten  Flügel  der  Liberalen  eine
Mehrheit  zu  bilden.  Eine  andere  Möglichkeit,  als  mit  dem  Zentrum
die  Geschäfte  zu  erledigen,  gab  es,  namentlich  seit  den  Wahlen  von
1903,  nicht.

Der  Reichskanzler  war  auf  die  Mitarbeit  dieser  Partei  angewiesen;
er  mußte  versuchen,  ihre  Zustimmung  zu  den  im  Interesse  des  Landes
notwendigen  wirtschaftlichen  und  nationalen  Vorlagen  zu  erlangen.  Daß
er  dem  Zentrum  zuliebe  staatliche  Hoheitsrechte  preisgegeben  oder  sich
in  religiösen  und  kulturellen  Fragen  schwach  gezeigt  habe,  bestreite  ich.
Jedenfalls  darf  nicht  vergessen  werden,  daß  die  wichtigsten  Aufgaben,
die  Verstärkung  der  Seewehr,  die  Handelsverträge,  die  Finanzreform,
nur  mit  Hilfe  des  Zentrums  zu  lösen  waren  und  gelöst  worden  sind-Ich

  habe  diesen  Zustand  der  Abhängigkeit  der  parlamentarischen
Ergebnisse  von  dem  guten  Willen  einer  Partei  in  dem  vielgestaltigen
deutschen  Parteigetriebe  immer  als  nicht  unbedenklich  empfunden.  Ihn
zu  ändern  hatte  ich  so  lange  keinen  Grund,  als  das  Zentrum  sich  bereit
zeigte,  mit  den  Verbündeten  Regierungen  positive  Arbeit  zu  leisten,  und
der  Versuchung,  seine  parlamentarische  Stärke  zu  mißbrauchen,  nicht
nachgab.

Aber  bereits  im  Frühjahr  des  abgelaufenen  Jahres  wurden  drei
dringend  nötige  Forderungen:  die  Eisenbahn  nach  Keetmanshoop,  die
Entschädigung  der  Farmer,  die  Errichtung  eines  Kolonialamtes  durch  eine

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