452  Anhang.

von  Zentrum  und  Sozialdemokratie  geführte  Oppositionsmehrheit  verworfen.
  Damals  konnte  ich,  von  schwerer  Krankheit  noch  nicht  erholt,
nicht  eingreifen.  Aber  es  reifte  in  mir  der  Eutschluß,  jedem  neuen
Versuch  solcher  Machtproben  bei  ernsten  und  wichtigen  Angelegenheiten
des  Reiches  mit  aller  Kraft  entgegenzutreten.  Neben  der  dann  notwendigen
  Wahrung  der  Autorität  der  Regierung  und  ihrer  Stellung
über  den  Parteien  schien  mir  auch  ein  gewisser  Wandel  in  den
doktrinären  Anschauungen  der  Vertreter  des  liberalen  Bürgertums  und
der  steigende  Widerwille  gegen  das  sozialdemokratische  Treiben  die
Hoffnung  zu  rechtfertigen,  daß  eine  Anderung  der  parlamentarischen
Lage  durch  das  deutsche  Volk  selbst  möglich  sei.

In  Deutschland  gibt  es  keine  einheitliche  liberale  Partei,  die  den
klaren  Willen  und  die  Fähigkeit  gezeigt  hätte,  positive  Politik  zu  machen.
Es  ist  jetzt  nicht  der  Augenblick,  Fehler,  die  begangen,  Gelegenheiten,
die  versäumt  worden  sind,  nachzurechnen.  Jedenfalls  haben  es  innere
Uneinigkeit,  negativer  Doktrinarismus,  Ubertreibung  der  Prinzipien  und
Unterschätzung  des  praktisch  Erreichbaren  nicht  zu  dem  vom  Liberalismus
erstrebten  Einfluß  auf  die  Regierungsgeschäfte  kommen  lassen.  Erst  im
letzten  Jahrzehnt  hat  sich  darin  manches  geändert.  Ich  denke  an  Eugen
Richters  Kampf  gegen  die  Sozialdemokratie,  an  die  fortschreitende  Überwindung
  der  Manchester-Doktrin,  vor  allem  an  das  wachsende  Verständnis
für  große  nationale  Fragen.  Manches  wird  noch  zu  lernen  sein:  Maßhalten,
  richtiges  Augenmaß  und  Blick  in  die  Nähe,  Sinn  für  historische
Kontinnität  und  reale  Bedürfnisse.

Ich  glaube  nun  keineswegs,  daß  aus  den  Wahlen  eine  große
geeinigte  liberale  Partei  hervorgehen  und  etwa  den  Platz  des  Zentrums
einnehmen  könnte.  Wohl  aber  könnten  die  Parteien  der  Rechten,  die
nationalliberale  Partei  und  die  weiter  links  stehenden  freisinnigen  Gruppen
bei  zielbewußtem  Vorgehen  im  Wahlkampf  so  viel  Boden  gewinnen,  um
eine  Mehrheit  von  Fall  zu  Fall  zu  bilden.  Den  starken  Gegensatz,  der
bisher  zwischen  den  Parteien  der  Rechten  und  denen  der  bürgerlichen
Linken  in  wirtschaftlichen  Fragen  bestanden  hat,  halte  ich  für  kein
unüberwindliches  Hindernis.  Der  unbedingt  notwendige  Schutz  der
Landwirtschaft  ist  in  den  neuen  Handelsverträgen  auf  ein  Jahrzehnt
hinaus  gesichert,  und  mancher  freisinnige  Mann  hat  schon  unter  vier
Augen  zugegeben,  daß  sie  auch  für  die  städtischen  Interessen  nicht
ungünstig  gewirkt  haben.  Jedenfalls  müssen  die  Gegner  der  Handelsverträge
  anerkennen,  daß  sich  Handel  und  Industrie  fortdauernden  Aufschwungs
  erfreuen.