454  Anhang.

Wahrung  der  Autorität  der  Regierung  Gebrauch  gemacht  und  der  Reichstag
  aufgelöst  werden.  Die  Abstimmung  vom  13.  Dezember  war  ein
Schlag  gegen  die  Verbündeten  Regierungen  und  die  nationale  Würde.  Ich
arbeite  mit  jeder  Partei,  welche  die  großen  nationalen  Gesichtspunkte
achtet.  Wo  diese  Gesichtspunkte  mißachtet  werden,  hört  die  Freundschaft
auf.  Niemand  in  Deutschland  will  ein  persönliches  Regiment.  Die
große  Mehrheit  des  deutschen  Volkes  will  aber  erst  recht  kein  Parteiregiment.
  Es  ist  deutsche  Eigenart,  deutsches  Schicksal,  daß  wir  unsere
politische  Stellung  bis  zur  Stunde  der  Gefahr  lieber  nach  Gefühlen  und
allgemeinen  Begriffen  als  nach  realen  Interessen  und  nationalen  Zielen
nehmen.  Obgleich  es  für  Kaiser  und  Bundesfürsten  nicht  Katholiken
und  Protestanten,  sondern  nur  schlechtweg  Deutsche  gibt,  die  den  gleichmäßigen
  Schutz  der  Gesetze  genießen,  besteht  doch  die  stärkste  Partei
im  Reichstag  ausschließlich  aus  Katholiken.  „Für  Wahrheit,  Freiheit
und  Recht“  steht  im  Programm  des  Zentrums.  Ist  es  aber  wahr,
wenn  es  in  dem  Aufruf  der  rheinischen  Zentrumspartei  heißt,  im  Hintergrund
  lauere  ein  neuer  Kulturkampf?  Im  paritätischen  Deutschland
geht  es  der  katholischen  Kirche  wohler  als  in  manchen  katholischen
Ländern,  und  kein  Vertreter  der  Verbündeten  Regierungen  denkt  daran,
die  Parität  aufzuheben,  die  Gewissensfreiheit  zu  verletzen  und  die
katholische  Religion  zu  bedrängen.  In  jener  Behauptung  dient  die
Religion  nur  als  Mittel  zum  Schutze  politischer  Fraktions-Interessen.
Obgleich  es  ferner  keinen  Staat  gibt,  der  mehr  für  Gegenwart  und
Zukunft  der  Arbeiter,  für  ihre  materiellen  und  geistigen  Bedürfnisse
getan  hätte,  als  das  Deutsche  Reich,  obgleich  die  deutschen  Arbeiter
die  bestgebildeten  der  Welt  sind,  halten  doch  Millionen  bewußt  oder
als  Mitläufer  zu  einer  Partei,  die  den  Staat  und  die  Gesellschaft  von
Grund  aus  umwälzen  will.

Von  solchem  Druck  muß  das  deutsche  Volk  sich  freimachen.  Der  liberale
Städter  und  Landmann  ist  daran  nicht  weniger  beteiligt  als  der  konservative.
  Mögen  die  Verhältnisse  in  den  einzelnen  Wahlkreisen  noch
so  große  Verschiedenheiten  aufweisen,  die  Parteien,  die  am  13.  Dezember
an  der  Seite  der  Regierung  standen,  werden  von  vornherein  im  Auge
zu  behalten  haben,  was  sie  damals  einigte:  Der  Kampf  für  Ehr'  und
Gut  der  Nation  gegen  Sozialdemokraten,  Polen,  Welfen
und  Zentrum.  Ich  stelle  die  Sozialdemokraten  voran,  weil  jede
Niederlage  der  Sozialdemokratie  eine  Warnung  für  ihren  blinden
Ubermut,  eine  Stärkung  des  Vertrauens  in  den  ruhigen  Fortschritt
unserer  inneren  Entwicklung  und  eine  Befestigung  unserer  Stellung