2  1.  Auseinandersetzung  mit  dem  Zentrum.

Beispiel  so  genannten  —  „Blocks“  aus  den  Parteien  der  Rechten,  der  Nationalliberalen,  der
Wirtschaftlichen  Vereinigung  und  des  Freisinns,  in  dem  der  Kartellgedanke  des  Fürsten
Bismarck  neu  belebt  und  erweitert  worden  war,  haben  seitdem  die  Verhandlungen  des
Reichstags  und  die  innere  Politik  des  Fürsten  Bülow  gestanden;  das  Scheitern  dieser
sog.  Blockpolitik  ist  dann  der  unmittelbare  Anlaß  zum  Rücktritt  des  Kanzlers  am  14.  Juli
1909  gewesen.

Im  neuen  Reichstage  ergriff  Fürst  Bülow  zum  ersten  Male  am  25.  Februar  1907
das  Wort.  Bei  der  ersten  Beratung  des  Reichshaushaltsetats  für  1907,  die  der  Staatssekretär
  des  Reichsschatzamts  Freiherr  v.  Stengel  eingeleitet  hatte,  erinnerte  der
Abg.  Spahn  an  die  Außerung  des  Reichskanzlers  vor  dem  kolonialpolitischen  Aktionskomitee
  am  19.  Januar  19071),  „daß  zur  Entwicklung  der  politischen  Betätigung  der  Parteien
im  Innern  für  notwendig  erachtet  werde  die  Paarung  des  konservativen  Geistes  mit  dem
liberalen“,  und  drückte  die  Uberzeugung  aus,  daß  „in  der  inneren  Politik  eine  Schwenkung
vorgenommen  werden  solle“".  Er  sprach  aus,  daß  der  Wahlkampf  unter  dem  Zeichen  der
religiösen  Leidenschaften  durchgefochten  worden  sei  und  daß  der  Reichskanzler  zur  Verschärfung
  im  kulturkämpferischen  Sinne  durch  seinen  sog.  Silvesterbrief:)  beigetragen
habe.  Ferner  griff  der  Abg.  Spahn  das  Eingreifen  des  leitenden  Staatsmannes  in  den
Wahlkampf  an.  Dagegen  begrüßte  es  der  Abg.  Bassermann  als  Fortschritt,  wenn
„im  Wahlkampf  von  den  führenden  Staatsmännern  klipp  und  klar  gesagt  wird,  welche
leitenden  Gesichtspunkte  sie  für  die  Fortführung  der  deutschen  Politik  haben“  —  ein  Fortschritt,
  der  namentlich  von  denen  anerkannt  werden  müßte,  die  „nach  der  Richtung  des
parlamentarischen  Systems  drängen.“  Bassermann  führte  weiter  aus,  daß  im  Wahlkampfe
das  Zentrum  planmäßig  mit  der  Sozialdemokratie  zusammengegangen  sei,  was  im  Widerspruch
  mit  der  starken  Betonung  des  christlichen  Staates  durch  den  Abg.  Spahn  stehe.
Darauf  sprach  der  Reichskanzler.

Reichskanzler  Fürst  von  Bülowr

Der  Herr  Abgeordnete  Spahn  hat  sich  in  dem  zweiten  Teil  seiner  Ausführungen
  mit  meiner  Stellung  zur  Zentrumspartei  beschäftigt.  Im  Laufe
der  letzten  Jahre  ist  mir  oft  von  der  Linken,  hier  und  da  auch  von  konservativer
Seite  übertriebene  Hinneigung  zur  Zentrumspartei  vorgeworfen  worden.
Heute  wurde  mir  aus  den  Reihen  der  Zentrumspartei,  von  dem  Führer  der
Zentrumspartei  vorgeworfen,  daß  ich  gerade  diese  Partei  brüskiert  hätte.
Ich  will  mich  über  mein  Verhältnis  zur  Zentrumspartei  ganz  offen  aussprechen.
  Ich  mache  auch  heute  kein  Hehl  daraus,  daß  ich  lange  und  ehrlich
bestrebt  gewesen  bin,  die  Mitwirkung  der  Zentrumspartei  für  große  Aufgaben
unserer  nationalen  Politik  zu  gewinnen.  Das  war  von  mir  nicht  nur  taktische
Uberlegung,  das  war  meine  Pflicht  gegenüber  dem  Lande.  Wie  die  Parteiverhältnisse
  im  Reichstag  lagen,  gab  es  keine  andere  Möglichkeit,  eine  fruchtbare
  innere  Politik  zu  machen.  Gewiß,  meine  Herren,  das  Zentrum  bildete

1)  S.  den  Wortlaut  dieser  Rede  unter  den  nichtamtlichen  Kundgebungen  in  diesem
Bande.

2)  S.  II,  S.  151—455.  Der  Brief  war  an  den  Vorstand  des  Reichsverbandes  gegen
die  Sozialdemokratie  zu  Händen  des  Generalleutnants  von  Liebert  gerichtet  worden.