Februar  1907.  3

am  13.  Dezember  auch  mit  der  Sozialdemokratie  eine  feste  Mehrheit;  ich
hätte  aber  einmal  die  Politik  sehen  mögen,  die  man  auf  die  Dauer  mit  dieser
Mehrheit  gemacht  hätte.
(Sehr  gut!)
Auch  mit  anderen  Parteien  bildete  das  Zentrum  eine  Mehrheit.  Mit  dieser
Mehrheit  bestimmte  praktische  Aufgaben  der  Gesetzgebung  zu  lösen,  bin  ich
bestrebt  gewesen.  So  habe  ich  mit  ihr  im  Reich  den  Ausbau
der  deutschen  Flotte  ermöglicht  und  den  Zolltarif,  die
Handelsverträge,  die  Brüsseler  Zuckerkonvention,  die
Reichsfinanzreform,  in  Preußen  den  Kanal,  die  Bergarbeiternovelle,
  das  Volksschulgesetz  zustande  gebracht.
Das  damalige  Gerede  über  Zichzackkurs  und  Fortwursteln  war  ebenso  töricht
wie  die  Behauptung  von  meiner  Abhängigkeit  von  der  Zentrumspartei.  Ohne
eine  innerlich  homogene  Mehrheit  läßt  sich  keine  programmatische  Politik
treiben,  ohne  eine  solche  lassen  sich  nur  bestimmte  Fragen  von  Fall  zu  Fall
lösen.  Das  habe  ich  getan,  nicht,  wie  man  mir  das  hier  und  da  vorgeworfen
hat,  als  finassierender  Diplomat,  sondern  als  praktischer  Staatsmann.  Eswar
ganz  in  der  Ordnung,  daß  ich  versuchte,  solange  es  ging,  mit  der  Mehrheit
zu  regieren,  die  für  nationale,  d.  h.  im  Interesse  des  Ganzen  liegende
Zwecke  vorhanden  war,  und  daß  ich  diese  Mehrheit  in  den  Dienst  solcher
Zwecke  gestellt  habe.  Ich  erkenne  auch  heute  durchaus  an,  daß  das  Zentrum
mitgewirkt  hat  bei  solchen  Aufgaben,  und  daß  es  geholfen  hat,  sie  in  einer
Weise  zu  lösen,  die  im  Interesse  des  Landes  war,  bis  zu  dem  Tage,  wo  das
Zentrum  sich  nicht  nur  getreunt  hat  von  den  anderen  bürgerlichen  Parteien,
mit  denen  zusammen  es  so  große  Aufgaben  gelöst  hatte,  sondern  wo  es  die
Regierung  gezwungen  hat,  den  Reichstag  aufzulösen.  Denn  mein  Zusammengehen
  mit  jeder  Partei  hat  eine  bestimmte  Grenze.  Ich  habe  auf  sie  hingewiesen,
  als  ich  einmal  —  ich  glaube,  es  war  im  Abgeordnetenhause  —
sagte,  daß  ich  in  nationalen  Fragen  keinen  Spaß  verstünde.  Ich  gehe
mit  jeder  Partei,  die  die  großen  Bedingungen
achtet,  ohne  welche  das  deutsche  Volk  in  der  Welt
nicht  atmen  und  leben  und  sich  behaupten  kann.
Wird  dagegen  gesündigt,  so  hört  bei  mir  die  Gemütlichkeit
  und  bei  der  Regierung  das  Zusammengehen
  auf.  Der  Einfluß,  die  Macht  einer  Partei  werden  zu  einer  Geißel
für  die  anderen,  sie  werden  zu  einer  Plage  für  das  Land,  wenn  sie  mißbraucht
werden.  Und  solcher  Mißbrauch  liegt  nicht  einmal  im  Interesse  der  Partei,
die  ihn  ausübt;  denn  da  heißt  es  auch:  Druck  erzeugt  Gegendruck,  und  früher
oder  später  stellt  sich  der  Rückschlag  ein.  Das  Zentrum  hat  seine  ausschlag-1
