Februar  1907.  15

aufzunehmen,  und  die  nach  der  Reichstagsauflösung  dieselbe  für  ein  sehr
gewagtes  Unternehmen,  für  einen  Husarenstreich  —  ich  trage  ja  seit  37  Jahren
Husarenuniform  —  zu  halten  schienen.  Auch  nicht  die  hauptstädtische  Presse,
die  mit  einigen  rühmlichen  Ausnahmen  —  ich  neune  in  erster  Linie  die
„Deutsche  Tageszeitung“  —  viel  gesündigt  hat  durch  doktrinäre  Einseitigkeit
und  Rechthaberei.  In  einem  großen  Blatte,  das  freilich  kein  Berliner  Blatt
war,  las  ich  nach  der  Auflösung  einen  schönen  Artikel;  im  Eingang  hieß  es,
endlich  hätte  ich  mich  eutschlossen,  den  Reichstag  aufzulösen,  und  am  Schlusse,
ich  hätte  den  Parteien  und  dem  Volke  doch  noch  zwei  Jahre  Zeit  lassen  sollen,
um  sich  auf  den  Wahlkampf  vorzubereiten.

(Heiterkeit.)

Nein,  meine  Herren,  wer  in  diesem  Wahlkampf
gesiegt  hat,  das  ist  das  deutsche  Volk!  Im  Vertrauen
auf  das  deutsche  Volk,  auf  den  gesunden,  den  nationalen  Sinn  des  deutschen
Volks  haben  die  verbündeten  Regierungen  sich  zur  Auflösung  entschlossen.
Ich  stelle  vor  dem  Juland  und  namentlich  vor  dem  Ausland  fest,  daß  sich  alle
diejenigen  täuschen,  welche  wegen  gewisser  deutscher  Fehler,  aus  unserem
Parteihader,  aus  unserer  Neigung  zu  Pessimismus,  zu  übertriebener  Kritik,
daran  zweifeln,  daß  wir  in  großen  Momenten,  wo  es
um  Ansehen,  Ehre  und  Stellung  des  Landes  geht,
über  eince  große,  über  eine  gewaltige  Mehrheit
im  deutschen  Volke  verfügen.

(Lebhaftes  Bravo.)

Nun,  meine  Herren,  liegt  es  in  unserer  parlamentarischen  Geschichte,
es  liegt  in  unseren  so  eigentümlichen  Parteiverhältuissen,  es  liegt
in  unserer  ganzen  politischen,  wirtschaftlichen,  sozialen  und  konfessionellen
  Struktur,  daß  Wahlen  auf  der  Basis  unseres  Wahlrechts  kaum
eine  homogene  Mehrheit  ergeben  können.  Die  Mehrheit,  die  von  Herrn
v.  Normann  zu  Herrn  Kaempf  und  Herrn  Schrader  reicht,  geht  in  ihren
Anschauungen  über  viele  wichtigen  Punkte  weit  auseinander.

(Sehr  richtig!)
—  Ja,  meine  Herren  vom  Zentrum,  Sie  sagen:  sehr  richtig!
(Widerspruch  in  der  Mitte.  Zuruf:  Es  war  linksl)
Sie  hätten  es  auch  sagen  können.  Gerade  in  Ihrer  Presse,  in  der  Zentrumspresse,
  habe  ich  das  fortgesetzt  gelesen.  Bilden  Sie,  meine  Herren  vom
Zentrum,  —  ich  führe  meinen  Gedanken  weiter  aus  —  denn  so  eine  homogene

  Partei?
(Sehr  gut!)